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Mein Leben als Azubi

Wie ist es so als Azubi? Wie ist es, in einer Lehre zu sein, die zwei bis vier Jahre dauern kann? Die Eindrücke sind verschieden. Einige machen sehr gute Erfahrungen, einige weniger. Ich selbst habe eine Ausbildung absolviert und sowohl gute, als auch schlechte Erfahrungen gemacht. In diesem Artikel möchte ich meine Ausbildung beschreiben und die Problemstellungen, mit denen ich innerhalb der Ausbildung konfrontiert wurde.

Wie es begann…

Es war kurz vor meinem Realschulabschluss. Für mich stand schon fest: Ich gehe in die IT. Doch ohne Abitur geht da gar nichts. Viele Betriebe forderten Abitur, mindestens jedoch Fach-Abitur. Für jemanden, der gerade erst Französisch abgewählt hat, wäre eine zweite Fremdsprache jedoch der Horror gewesen. Ich entschied mich für das Fach-Abitur, speziell für die höhere Handelsschule. Das hieß: Keine zweite Fremdsprache, es dauerte nur zwei Jahre, das allerdings nur im theoretischen Teil. Für die volle Fach-Hochschulreife brauchte es noch den praktischen Teil, der ein sechs Monate langes (sehr wahrscheinlich unbezahltes) Praktikum in einem kaufmännischen Beruf, oder eine Ausbildung erforderte. Die Ausbildung war also einer der Möglichkeiten, das Fach-Abi zu bekommen. Also entschied ich mich für eine Ausbildung und bewarb mich auf eigene Initiative. Ein Studium danach wollte ich nicht gänzlich ausschließen. So beantwortete ich bei Vorstellungsgesprächen die Fragen nach meinen Zielen nach der Ausbildung oft mit: „Vielleicht möchte ich studieren“. Auf diese Antwort folgten prompt Absagen: ,,Wir können Ihnen diese Art der Fortbildung nicht ermöglichen, wir brauchen feste Mitarbeiter.“

Bis heute weiß ich nicht, wie ich das bewerten soll. Ist es die Verweigerung von innerbetrieblichen Perspektiven, die ja eigentlich jedem*jeder Mitarbeiter*in zustehen? Oder ist es eine gute Sache, Auszubildende nach der Ausbildung als vollwertige Mitarbeiter*innen übernehmen zu wollen? Beides ist sehr wichtig, wie ich finde.

Schließlich fand ich eine Ausbildungsstelle. In meinem Betrieb war ich Teil eines Ausbildungsganges, der nach mehreren Jahren erst reaktiviert wurde. Es wurde allerdings noch in einem weiteren Beruf ausgebildet, in dem wesentlich mehr Auszubildende beschäftigt sind. In der Masse aller Auszubildenden gingen wir unter. Damals erkannte ich nicht, dass das noch zu Problemen führen würde.

Auf in die Berufsschule!

Zweimal pro Woche musste ich dort hin. Wenn die Berufsschule vorbei war, musste ich am kürzeren Berufsschultag danach noch in den Betrieb. Mein Betrieb befand sich in der Stadt, in der ich auch wohnte. Dort war auch die Berufsschule. Ich hatte damit Glück, denn in der Berufsschule lernte ich schnell Menschen kennen, die von weither kamen. Von Orten, von denen aus es mehr als eine Stunde brauchte, um die Schule zu erreichen. Ihr Betrieb lag in ihrer Nähe, doch die nächste Berufsschule, die diesen Ausbildungsberuf anbot, war weit entfernt. Oder der Betrieb entschied sich für eine andere Berufsschule. Die Entscheidung, in welcher Schule die eigenen Azubis angemeldet werden sollen, liegt beim Betrieb. Warum ein Betrieb eine andere Schule aussucht, als die, die in der Nähe ist? Mir fällt kein sinnvoller Grund dafür ein. Meist sind es aber wirtschaftliche Gründe. Ein*e Auszubildende*r muss sich fügen, oder die Ausbildungsstelle ist verloren.

Bezahlung

In der Berufsschule machten sich Unterschiede in der Bezahlung und der Förderung deutlich bemerkbar. Es gab da einmal die Azubis, die sehr gut verdienten und deren Unternehmen ein sogenanntes Job-Ticket für den öffentlichen Personen-Nahverkehr bereitstellen. Auf der anderen Seite gab es auch diejenigen, die ein wirklich geringes Gehalt bekamen und keine betrieblichen Leistung, wie eine persönliche ÖPNV-Beförderung, erhielten. Die Unternehmensgröße spielte dabei keine Rolle. In beiden Fällen waren sowohl große Konzerne als auch kleine Unternehmen vertreten. Während ich Teil der Besserverdienenden war, kamen einige andere mit ihrem Gehalt von teilweise unter 300 Euro kaum aus. Das Geld reichte nicht mal für Benzin und Auto-Wartung. Einige bezahlten somit für die Ausbildung drauf. Irgendwann ist das Geld dann auch nicht mehr da. Die Ausbildung wurde aus finanziellen Gründen gefährdet.

Was zu diesem Zeitpunkt kaum jemand von uns wusste: Es gibt die Berufsausbildungsbeihilfe. Es funktioniert quasi wie das BAFöG, nur mit dem Unterschied, dass der erhaltene Betrag gar nicht bis wenig zurückgezahlt werden muss. Allerdings ist die Berufsausbildungsbeihilfe ebenso an das Einkommen der Eltern gekoppelt wie das BAFöG. Ich persönlich erfuhr von dieser Möglichkeit erst gegen Ende der Ausbildung.

Interessenvertretung der Auszubildenden

Zurück im Betrieb begann die betriebliche, praktische Ausbildung. Schulungen waren vor allem in der ersten Phase Teil der Ausbildung. Die eine oder andere Praxisphase lockerte die Ausbildung etwas auf. Endlich kann das vor kurzem gelernte angewendet werden. Doch bald folgte schon die nächste Schulung. Nicht alle hatten etwas mit meinem eigentlichen Beruf zu tun. Natürlich ist es wichtig zu wissen, was die Leistungen des Betriebes sind, in dem man selbst arbeitet, aber muss deswegen eine sechsmonatige Produktschulung sein? Sechs Monate etwas lernen und möglicherweise auch tun, was mit dem eigentlichen Ausbildungsberuf nichts zu tun hat? Das geht, laut Ausbildungsordnung. So ging aber auch Zeit für wichtige berufsbezogene Inhalte verloren.

Welche Möglichkeiten haben wir als Azubis also, Einfluss auf die Ausbildung zu nehmen? Da gibt es die Jugend- und Auszubildendenvertretung, die JAV. Allerdings gibt es die nur, wenn es auch einen Betriebsrat gibt, denn die JAV ist eigentlich nur ein beratendes Gremium innerhalb des Betriebsrates. In vielen ausbildenden Betrieben gibt es jedoch keinen Betriebsrat. Ganz zu schweigen von den Betrieben, in denen fast nur Auszubildende arbeiten. Ein solcher Betrieb kann zwei Facetten haben: Entweder er spiegelt großartiges Engagement im Bereich der Ausbildung von Jugendlichen wieder, oder er praktiziert die Ausbeutung von billigen Arbeitskräften, in der die Ausbildung selber quasi keine Rolle spielt. Solch ein Unternehmen braucht dringend eine JAV. Aber ohne Betriebsrat? Um den zu gründen braucht es meist mehrere Jahre. Ist man nur drei Jahre im Unternehmen, ist sowas praktisch aussichtslos. Zudem befindet sich jede*r Mitarbeiter*in im ersten halben Jahr in der Probezeit, in der ohne Angabe von Gründen gekündigt werden darf.

In meinem Betrieb gab es einen Betriebsrat. Die JAV war 5 Menschen groß. Sie wurde alle zwei Jahre gewählt. Die Mitglieder der JAV erhielten während und nach der Amtszeit zwei Jahre Kündigungsschutz. Das könnte unter Umständen ausgenutzt werden, denn übernimmt das Unternehmen keine Azubis, ist ein Kündigungsschutz im Grunde eine Übernahmegarantie. Offen musste sich die Frage gestellt werden: Kandidiert jemand für die JAV nur des Kündigungsschutzes wegen, oder im Sinne des betrieblichen Engagements?

In meinem Betrieb war die Stimmenverteilung aussichtslos für unseren Ausbildungsgang. Der andere Ausbildungsgang hatte bei weitem mehr Stimmen als unserer. Hätten wir versucht, eine*n Vertreter*in unseres Ausbildungsganges und damit unserer Interessen zu entsenden, wir wären bei der Wahl wohl gescheitert. Wir waren schlichtweg unterrepräsentiert und konnten uns damit kein Gehör verschaffen. Es war die Zeit, in der auch Fälle wie der eines Discounters bekannt wurden, in dem ein Auszubildender um einen Pfosten gebunden wurde. Beispiele wie diese sind Zeichen eines größeren Problems: Mobbing. Auf Grund ihrer geringen Stellung als Auszubildende im Unternehmen, ist dieses Phänomen keine Seltenheit. Solche Auswüchse sind Zeichen für die schlechte gesellschaftliche Stellung von Auszubildenden.

Solche Probleme hatte ich nicht. Unser Unternehmen war sensibel genug, Auszubildende fair zu behandeln. Das ist jedoch nicht immer der Regelfall. Unsere Lehrer*innen berichteten mehrmals von Fällen, in denen Auszubildende Ziel von Mobbing wurden und auf Grund des psychischen Drucks das Unternehmen unter Umständen gar verließen. Nicht selten übernehmen Azubis auch die Verantwortung von Verfehlungen anderer Mitarbeiter*innen, obwohl sie keine Schuld tragen. Meistens unfreiwillig. Azubis werden oft als ‚Bauernopfer‘ missbraucht, denn Fehler sind Teil des Lernprozesses. Oft zerstört sowas aber auch Perspektiven innerhalb des eigenen Unternehmens.

Nach der Hälfte der Ausbildung steht die Zwischenprüfung an. Eine Prüfung ohne Sinn und Zweck. Wird sie nicht bestanden, ist es egal. Das Ergebnis hat keinen Einfluss auf die Ausbildung. Sie dient vielleicht als Lernstandsmesser zur Hälfte der Ausbildung. Gestellt wird sie von der jeweiligen Kammer, in meinem Fall von der Industrie- und Handelskammer.

Die Kammern spielen in der Ausbildung eine sehr wichtige Rolle. Wenn vom dualen Ausbildungssystem die Rede ist, wird oft nur an Betriebe und Berufsschulen gedacht. Doch das wichtigste Glied, die Kammern, wird dabei oft vergessen. Bei den Kammern, oder auch den berufsständischen Körperschaften, sind all jene Unternehmen Mitglied, für die die Kammer zuständig ist. Die Mitgliedschaft ist für die Unternehmen gesetzlich vorgeschrieben. Die Aufgabe der Kammern ist die Interessensvertretung der Mitglieder. Die Verwaltung der betrieblichen Ausbildung wirkt da fast exotisch. Obwohl die Ausbildung als staatlich anerkannt betrachtet wird, übernehmen hier die Kammern die Aufgaben, die sonst Kultusministerien haben. Die Kultusministerien stellen Lehrpläne, anhand denen sich die Schulen orientieren können, um die Schüler*innen optimal auf die Prüfungen der Kultusministerien vorbereiten zu können.

Die Kammern entscheiden jedoch selbst über die Maßnahmen, die sie im Rahmen der Ausbildung treffen. Gesetzliche Vorschriften gibt es kaum. So erstellen die Kammern zum Beispiel keine Lehrpläne, mit denen die Berufsschulen die Auszubildenden auf die Prüfungen der Kammern vorbereiten können. Die Schulen müssen also bei der Vermittlung der Themen raten. So ist es also schon mal vorgekommen, dass in Prüfungen Themen abgefragt wurden, die in den Schulen noch oder gar nicht behandelt wurden. Durch den fehlenden Standard gegenüber den Schulen, bereiten die Berufsschulen auch unterschiedlich auf diese jeweiligen Prüfungen vor. Das macht sich auch in den Prüfungen und damit auch in den Abschlusszeugnissen bemerkbar. Die Vergleichbarkeit wird verzerrt.

Abschlussprüfungen

Doch was passiert, wenn die Prüfung nicht bestanden wird? Dann bricht die Katastrophe herein. Die Ausbildungsverträge gelten nur für einen begrenzten Zeitraum. Wird die Ausbildungsprüfung in diesem Zeitraum nicht bestanden, endet der Ausbildungsvertrag. Zwar haben die Auszubildenden weiterhin die Möglichkeit, die Prüfung in einem halben Jahr zu wiederholen, das jedoch ohne die Unterstützung des Unternehmens. Der Besuch der Berufsschule entfällt genauso wie das regelmäßige Einkommen. Ohne Ausbildungsabschluss stellt dies für viele Auszubildende in dieser Situation ein vollkommenes Desaster dar.

Mit dieser Angst im Hinterkopf beginnt die Vorbereitung auf die Abschlussprüfung in der Berufsschule. Betriebe sind zur Vorbereitung auf die Abschlussprüfung nicht verpflichtet. Viele Auszubildende haben erst nach der Arbeitszeit die Gelegenheit, für die Abschlussprüfung zu lernen. Nach einem achtstündigen Arbeitstag fällt das Lernen jedoch besonders schwer.

Parallel zur Vorbereitung auf die Prüfung müssen sich die Prüflinge auch Gedanken um ihre Zukunft machen. Am einfachsten ist es natürlich, wenn das Unternehmen die Auszubildenden übernimmt und die Prüflinge diese Übernahme auch annehmen. Schwierig wird es allerdings, wenn keine Übernahme erfolgt oder eine Fortbildung zum Beispiel in Form eines Studiums angestrebt wird. Es ist eine zusätzliche Belastung, wenn parallel zum Lernprozess ein Job gesucht werden muss, damit das Einkommen weiterhin gesichert bleibt. Denn muss ein Auszubildender nach einer Ausbildung Sozialhilfe in Anspruch nehmen, bezieht man als erstes Hartz IV.

Noch studieren?

Auch die Weiterbildungsmöglichkeiten innerhalb eines Betriebes sind verschieden. Oft bestehen gar keine Weiterbildungsprogramme, so dass eine individuelle Regelung für die angehenden Student*innen gefunden werden muss. Oder die Student*innen müssen sich den Anforderungen in den Weiterbildungsprogrammen fügen.

Ich wollte mich nicht fügen. Die Anforderungen und Bedingungen gefielen mir nicht, so dass ich eine individuelle Regelung finden wollte. Als Auszubildende*r ist man da in einer schlechten Lage: Einerseits will man das eigene Einkommen sichern, anderseits will man sich auch weiterbilden, oft in Form eines Studiums. Hier braucht es schon viel Verhandlungsgeschick, um solch eine individuelle Regelung auszuhandeln.

Nun war die Ausbildung endlich vorbei. Drei lehrreiche Jahre gingen zu Ende. Ich konnte eine ausgezeichnete Regelung zur Fortbildung im Betrieb finden, mit der ich auch gleichzeitig studieren kann.

Also begann ich mein Studium. Das Studienfach ist meiner Ausbildung sehr ähnlich. Dennoch konnte ich in der Hochschule keine Ausbildungsinhalte im Studium geltend machen, obwohl diese den Lehrplänen sehr ähnelten. Also nahm ich an den Kursen teil und erkannte Inhalte aus der Ausbildung wieder. Das Studium wurde für mich durch die Ausbildung also einfacher.

Insgesamt würde ich die Ausbildung als sehr lehrreich beurteilen. Die gesammelten praktischen Erfahrungen haben mein Studium leichter gemacht. Und auch sonst lernte ich viel für das Berufsleben und einige Soft-Skills. Als Teil der Erwerbsarbeit erfuhr ich auch einige wichtige Kenntnisse für das Leben und die Politik. Wir in der Grünen Jugend müssen erkennen, dass Menschen in Erwerbsarbeit mit anderen Problemstellungen konfrontiert sind als die meisten von uns.

Ich würde mir wünschen, dass sich das eines Tages in unserer Politik, Organisation und Planung bemerkbar macht.

Kay Wilhelm Mähler ist Beisitzer im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND. Er beschäftigt sich mit Netzpolitik, Ausbildungspolitik und ist Kommunalpolitiker in Bonn.

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