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Neokolonialismus – Was habe ich eigentlich damit zu tun?

Neokolonialismus, Neoliberalismus – was bedeutet das eigentlich? Und können wir uns davon abgrenzen? Nehmen wir teil, sind wir gar mitverantwortlich für die schlechten Lebensverhältnisse in den so genannten Entwicklungsländern? Und falls ja, was können wir eigentlich gegen Ausbeutung und Armut unternehmen?

Neokolonialismus und Neoliberalismus – eine Begriffsannäherung
Mit Neokolonialismus bezeichnet man die Ausbeutung bzw. die moderne Kolonialisierung vor allem von so genannten Entwicklungsländern. Dabei wird sich moderner Instrumente wie z.B. der Finanzwirtschaft oder rechtlicher Regelungen bedient. Die (globale) Wirtschaftsordnung, die diesen Neokolonialismus erst ermöglicht, wird grob als Neoliberalismus bezeichnet. Beide Begriffe sind eher schwammig – was eine Person damit genau bezeichnet, ist oft sehr unterschiedlich, deshalb sind sie oft nicht sachdienlich.
Wichtig ist die erste Erkenntnis: Entwicklungsländer profitieren nicht von der Globalisierung: Weder von der wirtschaftlichen, noch von der ideologischen oder kulturellen. Die Ausgaben für Entwicklungshilfen sind nur ein Bruchteil verglichen mit dem Kapital, das wir aus den ärmsten Ländern der Welt ziehen und ihre Kulturen gehen oft im Hype der Westlichen unter.

Kostenvorteile oder Merkantilismus
Man hört oft in ökonomischen Debatten: „Jedes Land produziert, was es am besten kann, für Entwicklungsländer sind das eben Rohstoffe“. In gewisser Weise stimmt das auch: Man überredet Kleinbauern dazu, Produkte für den Weltmarkt herzustellen. Zum Ausgleich können die sich dann Nahrungsmittel einkaufen. Vielleicht erscheint der Deal dann für kurze Zeit als ein gutes Geschäft, aber es dauert nicht lange bis zum „bösen Erwachen“: die Bäuer*in, die gerade noch 1540 Euro [i] im Jahr verdient hat, bekommt steigende Lebensmittelpreise zu spüren. Diese haben sich zwischen Juli 2010 und Juni 2011 teilweise vervierfacht, in manchen Regionen sogar verdreizehnfacht[ii]. In Europa sind diese Preissteigerungen kaum zu bemerken. Unser Einkommen ist ja ohnehin 13mal so hoch, außerdem stehen die Preise ja auch unter starker staatlicher Kontrolle. Die Kleinbäuer*in aber hat nun nicht mehr genug Geld für das Nötigste: Lebensmittel.

Subsistenz-Wirtschaft
Warum aber produziert sie nun nicht wieder selbst ihre Lebensmittel? Warum wehrt sie sich nicht gegen leere Versprechungen? Zum einen haben Entwicklungsländer oft Probleme mit Korruption und kaum schützende Gesetze. Außerdem fehlt es der Kleinbäuer*in schlicht an Geld. Sie kann leere Versprechen nicht einfordern, denn Anwält*innen und Gerichte sind nicht bezahlbar, noch kann sie es sich leisten, ihre Produktion umzustellen. Es würde Jahre dauern bis sie sich wieder aus Eigenproduktion ernähren könnte. Die Bäume wurden für den Export gefällt, Saatgut muss teuer gekauft werden.

Wie wir dieses System unterstützen
Wir kaufen und konsumieren Kaffee, Bananen, Kleidung, Chemikalien, kurz: Produkte, die nicht in Europa, sondern in Entwicklungs- und Schwellenländer unter den schlechtesten Lebensbedingungen hergestellt werden. Wir unterstützen diese Produktion, indem wir diese Waren kaufen und dadurch unterstützen wir auch Konzerne, die Bäuer*innen und Arbeitnehmer*innen dazu bewegen, eben genau diese Waren herzustellen. Wir geben ihnen Anreize ihre Produktion auszuweiten. Wir unterstützen Textilunternehmer*innen, die ihre Angestellten 16 Stunden am Tag[iii] unter schlechten Arbeitsbedingungen für Hungerlöhne arbeiten lassen. Leider stehen auf solchen Produkten keine Slogans wie: „Wegen Kaffee-Konsum hungern Tausende von Menschen“ oder „Mit diesem T-Shirt tragen sie zur Ausbeutung der ärmsten Bevölkerung bei“. Deshalb ist es unsere Aufgabe, uns zu informieren, wie diese Konzerne mit ihren Arbeitskräften umgehen, denn staatliche Kontrolle gibt es an dieser Stelle nicht. Obwohl es schwer ist, bei allen Produkten die Herkunft zu überprüfen, ist es wichtig Händler*innen klar zu machen, dass es nicht vollkommen ungestraft bleiben darf, ausländische Arbeitskräfte auszubeuten.

Man kann aber auch positive Signale setzen: Produkte von Unternehmen konsumieren und bewerben, die für faire Arbeitsbedingungen sorgen und die Entwicklung in der Region unterstützen. Dass Verbraucherdruck etwas bewirken kann, hat sich in der Vergangenheit auch in Textilindustrie und Landwirtschaft gezeigt. Das reicht aber bei Weitem noch nicht aus. Man sollte sich bewusst sein, dass Konzerne allein keine neokolonialen Strukturen aufbauen können. Sie brauchen dafür die Unterstützung der Konsument*innen.

Neokolonialismus und Sprache
Ähnlich wie der Sexismus ist der Neokolonialismus auch in der Sprache verankert. Spricht man über Entwicklungshilfe, so spricht man meist über Afrika. Dabei unterscheiden sich die Regionen in Afrika stark voneinander. Das spiegelt sich auch in der Entwicklungshilfe wieder, die oft der Lage unangepasst ist. Es gibt Länder wie Marokko, die relativ gute Lebensumstände bieten, und solche wie der Kongo, in denen Armut und Krieg herrscht.

Dambisa Moyo , Ökonomin aus Sambia, verachtet die westliche Glamour-Hilfe und Almosenkultur; die Entwicklungshilfe hält sie für seit 60 Jahren verfehlt und zerstörerisch. Nach ihrer Ansicht hat Bob Geldof das Fanal für eine ganze Armee von Moralaktivisten gesetzt, die Afrika zum „Objekt eines weltweit wohlinszenierten Mitleids“ und die Entwicklungshilfe zu einer Art kultureller Handelsware machten – mit der bizarren Folge, dass Musikern, die noch nicht einmal in Afrika leben, die Kompetenz zugesprochen worden sei, Afrikas Misere beenden zu können. “ [iv]

Genau das macht Entwicklungshilfe so problematisch. Wir denken, dass wir wissen, was gut für sogenannte „unterentwickelte Staaten“ ist. Wir müssen einsehen, dass wir nicht das moralische Recht haben, ihnen ihre Entscheidungen abzunehmen und sie als „unterentwickelt“ zu bezeichnen. Alles was wir tun sollten, ist zu versuchen, sie in Ihrem Entwicklungsprozess zu begleiten, genau wie auch wir in unserem Entwicklungsprozess von anderen Kulturen begleitet werden. So sind uns viele Entwicklungsländer in einigen Aspekten auch Beispiele, die wir uns zum Vorbild nehmen sollten. Zum Beispiel kommt die Landwirtschaft mit viel weniger Dünger aus und ist nicht in riesigen industriellen Anlagen organisiert. Wir sollten uns auf einige zentrale Forderungen beschränken, die wir für ein gemeinsames Miteinander für unabdingbar halten. Statt Demokratie sollten wir z.B. Minderheitenschutz fordern, statt Wahlrecht Meinungsfreiheit. Statt uns Handys oder Strom für Arme sollten wir uns wünschen, dass sie sich selbst ernähren können, dass sie so leben können, wie sie das gerne möchten. Das Wichtigste aber ist, dass wir weder mit ihnen noch für sie arbeiten, sondern sie lediglich unterstützen können. Versuchen wir ihnen unsere Lösungen aufzuzwingen, so werden diese weder nachhaltig sein, noch eine langfristige Verbesserung der Lage bewirken.

Allgemeine Quellen
Aktion Umwelt: http://www.aktion-umwelt.de
global-growing.org: http://global-growing.org/de/content/fakt-7-etwa-%C2%BE-aller-afrikaner-s%C3%BCdlich-der-sahara-leben-materieller-armut-von-weniger-als-2

[i]

NeokolundIch Tabelle

[ii] Die Daten beziehen sich auf Mais.

[iii] Spiegel : http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/billig-kleidung-von-lidl-und-co-das-suendenregister-der-discounter-ist-skandaloes-a-808288.html

[iv] Wikipedia

Jan Weimer studiert Mathematik, interessiert sich für alternative Wirtschafts- und Gesellschaftstrukturen und findet die Arbeit vom Fafo Europa und Internationales toll.

Kategorie: Globales, SPUNK, Wirtschaft

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Jan Weimer studiert Mathematik, interessiert sich für alternative Wirtschafts- und Gesellschaftstrukturen und findet die Arbeit vom Fafo Europa und Internationales toll.

1 Kommentare

  1. Paul sagt

    Danke für den Artikel, zur Einführung fand ich den gut. Ich würde mir wünschen, dass die nächsten in der Reihe komplexer werden 🙂

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