Aktuelle Artikelserie, SPUNK
Schreibe einen Kommentar

Non-binary – Von Toiletten, Händeschütteln und Schuhgrößen

Ich bin geschlechtslos – und gehörte damit zu den Menschen mit einem nicht-binären Geschlecht. Und genau darum geht es hier.

Mein Erstkontakt zu nicht-binär, non-binary, NB oder auch Enby war etwas holprig. Das liegt daran, dass ich, wenn ich nicht gerade Texte über mich schreibe, Informatik studiere. In der Informatik wird meistens nur mit 0 und 1 gezählt. Das ist praktisch, weil sich Bauteile, die verschieden reagieren, je nach dem ob Strom (1) kommt, oder nicht (0) verwenden lassen. So bin ich es gewohnt, dass alles binär dargestellt werden kann. Binärität ist in der Informatik keine Einschränkung. Im queeren Kontext ist Binärität genau das Gegenteil: ein System, das nur zwei Zustände erlaubt: 0 und 1, A und B, Frau oder Mann. Hier ist das Gegenteil dann Nicht-Binär. Holprige Angelegenheit wie gesagt: In der einen Hälfte meines Lebens ist alles Binär, in der anderen fällt gewaltig viel unter den Bus, wenn alles Binär sein soll. Für den Rest dieses Textes verabschiede ich mich also von der Informatik und verstehe Binärität als System, das immer nur eine von zwei Möglichkeiten zulässt.

Auf meiner Geburtsurkunde steht nicht, dass ich nicht-binär, dass ich geschlechtslos bin. Damit bin ich wohl nach gängiger Definition trans*geschlechtlich – mein Identitätsgeschlecht ist nicht das, was auf meinem Pass steht. Intersexuelle haben in Deutschland die Möglichkeit, ihren Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde streichen zu lassen, beziehungsweise wird bei Neugeborenen dann kann Eintrag gesetzt – das macht diese Personen schon rein rechtlich nicht-binär, noch völlig unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität. Ich beziehe mich hier im Text auch nur auf europäische Vorstellungen, Konzepte und Ideen von Geschlecht; in anderen Kulturen gibt es ganz andere Modelle, Geschlechter, die von Beruf oder Landbesitz abhängen und sehr häufig mehr als zwei Geschlechter. Nicht-binär ergibt also, wenn überhaupt, in westlichen Kulturen Sinn.

Mein Coming-In, also meine eigenene Erkenntnis über meine Geschlechtslosigkeit, begann sozusagen mit meiner Geburt, begann damit, dass ich sah, dass Menschen bestimmten Regeln folgten. Davon gab es – und das verstehe ich in der Rückschau sehr gut, wobei die Erkenntnis lange dauerte – im wesentlichen zwei Kategorien. Zum einen Dinge, die aus persönlichem Nutzen gemacht wurden, weil sie praktisch oder sinnig sind. Zum anderen Dinge, die so gemacht wurden, weil sich das irgendwer mal so ausgedacht hat und die Gesellschaft das dann irgendwann übernahm. Das kann sich teilweise auch überlappen. So als Beispiel: Draußen ist es die meiste Zeit des Jahres zu kalt, als dass ich da nackt rumlaufen möchte – es muss was wärmendes her: persönlicher Nutzen. Ob ich mich da in die Überreste der Haut eines toten Tieres einwickle, eine Ritterrüstung oder ein Kleid trage, ist vom Nutzen her völlig gleich. Gesellschaftlich besteht in Deutschland irgendwie das Verständnis, dass sowas wie Hosen, Röcke, Hemden, T-Shirts, Pullover, Kleider oder Jacken üblich sind. Wenn Menschen, die sich kennen, sich begegnen, ist es dann üblich, dass diese sich grüßen. Das ist für mich ein starkes Beispiel für eine Sache, wo ein gesellschaftliches Agreement besteht. Ein High-Five, ein Winken, eine Umarmung oder klassisch ein Handschlag sind dafür übliche Gesten – die haben alle von sich aus keinen Nutzen und gewinnen Bedeutung erst dadurch, dass es gesellschaftlich relevant ist.

Eine Sache, bei der mir dann auffiel, dass ich irgendwie nicht so ticke, wie der Rest der Welt, waren Klos. Ich verstand zu weiten Teilen nicht, warum die immer nach Frauen und Männern getrennt sind (und warum die, die barrierearm zugänglich sind, das nicht sind). Insbesondere deswegen nicht, weil hinter der Tür ja das gleiche ist. Also irgendwie Waschbecken, Seife, Spiegel, mehr Türen, Kloschüsseln, Spülkästen, … Wieso diese Trennung? Für mich war das eine Sache, die so unlogisch war, wie Krawatten oder Handschläge – hat sich irgendwer mal ausgedacht, Menschen haben das nachgemacht und jetzt ist das halt so üblich. Wenn ich andere drauf ansprach, waren die sehr verwundert. Menschen schien das sehr wichtig, so wichtig, wie Dinge anziehen, damit sie nicht frieren, dass sie ja ein Klo haben, dass zu ihnen passt. Ich dagegen hatte nie das Gefühl, dass irgendein Teil von mir mir ein bestimmtes Klo zuwies.

Ganz ähnlich: Klamotten. Wieso gibt’s Röcke nur in der Frauen-Abteilung? Wieso gibts die coolen Farben bei den Basic-T-Shirts auch nur bei den Frauen? Wieso Schuhe über Größe 41 nur in der Herren-Abteilung? Ich wunderte mich, wer auf so ein gesellschaftliches Verständnis aufgrund von Geschlecht kommt, fühlte mich davon irgendwie fremd und ausgeschlossen.
Über einen kurzen Abstecher nach: „Ich kann trotzdem tragen was ich will, mich schminken oder nicht, wenn ich will und sowieso alles tun wie ich will, unabhängig davon, was auf meiner Geburtsurkunde vermerkt ist“, kam ich dann dahin, wo ich heute stehe. Aus dem trotzdem wurde für mich ein weil, aus „das passt schon, was da vermerkt ist, denn ich kann ja…“ wurde ein „das stimmt nicht, was da in der Geburtsurkunde steht. Unabhängig davon kann ich“.

Schwer wird NB sein vor allem an zwei Stellen. In einer binär geprägten Welt gibt es keine Vorstellung, wie eine nicht-binäre Person aussehen könnte. Wie eine nicht-binäre Person aussieht, ist völlig undefiniert. Will ein Mensch als Mann gelesen werden, gibt es gewisse Marker, die das dank gesellschaftlichem Verständnis einfach machen. Sowas wie ein Bart, breite Schultern oder eine Sitzhaltung, bei der die Knie weit auseinander sind. Will der Mensch als Frau gelesen werden, gibt es ebenso Marker, ein breiteres Becken, Brüste oder Röcke. Ganz so einfach ist das auch in einer binär gedachten Welt nicht: Einen Mann erkennen wir ohne Bart auch noch als solchen, eine Frau mit flacher Brust ebenso. Wie erkennen wir dann eine nicht-binäre Person? Durch das Fehlen all der Merkmale, bei denen wir uns im Zweifel gar nicht sicher sind, welche das überhaupt sind? Durch das Mischen von Merkmalen? Und selbst, wenn es uns irgendwie gelingt, weder als weiblich noch als männlich gelesen zu werden, nützt uns das häufig nicht wirklich. Denn die zweite große Schwierigkeit, ist, dass wir im kollektiven Verständnis schlicht nicht existieren. Menschen sind eben entweder weiblich oder männlich. Was anderes ist nicht vorgesehen. In der Soziologie wird hier auch von einem normativen System gesprochen: allen darin wird eine der Eigenschaften unvermeidbar zugewiesen. Sollte uns also ein nicht-binäres Passing gelingen, ist der einzige Gewinn, dass wir gegen die Normen des System verstoßen und somit, teilweise völlig ungewollt, provozieren.

Gesellschaftlichen Normen verschwinden nicht über Nacht. Es gibt vieles, für das ich mich einsetze, bei dem ich fest dran glaube, dass das in den nächsten 10 Jahren machbar ist – Sichtbarkeit und Akzeptanz für Non-Binaries wird sich dann wohl doch noch über Generationen hinziehen. Das schmerzt, sollte uns und alle aber nicht davon abhalten, die Welt schon jetzt offener zu machen. 
Vielleicht ganz direkt wirklich immer, wenn ihr euch irgendwo vorstellt, das Pronomen oder Geschlecht dazu sagen. Das ist anfangs ungewohnt, aber es schafft uns Raum, es zeigt, dass diese Information immer relevant ist, dass Geschlecht sich nicht vom Namen und nicht vom dem, was ich sehe herleiten muss.

igel@nuocu.wtf'
igel@nuocu.wtf'

Letzte Artikel von nuocu (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.