Europa
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“Oh, das wollten wir doch gar nicht. Wir wollten doch eigentlich nur ein bisschen …”

CC BY 2.0 - The Newest Piece Of England by John Stratford http://gruenlink.de/1a1d

Es ist fünf Uhr morgens. Es ist heiß, ich habe wenig und schlecht geschlafen, bin erst relativ spät nach Hause gekommen, mein Handy vibriert neben meinem Kopfkissen, ich wache auf. Die ersten Meldungen zum Ausgang des Referendums erleuchten auf dem Bildschirm, nacheinander berichten der Guardian, die Zeit, die FAZ,… von dem Unheil. Am Abend zuvor war ich, beruhigt von feuchtfröhlichem Beisammensein und Prognosen, zufrieden und zuversichtlich, dann – um fünf Uhr morgens – lese ich verschlafen diese Meldungen, denke mir, das ändert sich sicher noch, drehe mich in meinem viel zu warmen Bett um, bin wieder eingeschlafen, bevor der Handybildschirm aufhört zu leuchten.

Gegen neun wache ich erneut auf, in Großbritannien ist es jetzt zehn, die Ergebnisse wurden vor zwei Stunden in Manchester verkündet, mein Handybildschirm sagt immer noch das gleiche, nur deutlicher. Vier Prozentpunkte Unterschied. Der Tag wird anstrengend: irgendwann gehen mir all diese Menschen, die mich auf das Referendum ansprechen, so richtig auf die Nerven. In dem zehn Minuten Intervall nach der einen, vor der anderen Referendumsfrage, ist es mir jeweils knapp gelungen, zu vergessen. Aber trübe Blicke, Menschen, die mit ernstem Gesicht den Zerfall Europas betrauern, die wetteifern, wer den Deutschlandfunk, taz, Times, … Kommentar vom Morgen möglichst differenziert und intellektuell wiedergeben kann, holen mich in die Realität zurück.

Meine Reaktion ist kein Artikelwälzen, geschrieben von deutschen Redakteur*innen, die ihren Großbritannienurlaub letztes Jahr als Hauptquelle nutzen.
Meine Reaktion ist Unverständnis, Wut auf mich, die ich mir denke, hättest du mehr Wahlkampf gemacht, hättest du doch jede*n Rentner*in in Sainsburys angequatscht, hättest du nicht nur in einer Stadt, die sowieso in enormem Ausmaß pro-europäische ist, ein bisschen Plakate geklebt. Dann Resignation. Was wird aus meinen Studiengebühren, brauche ich ein Visum, meinen Master in England kann ich ganz vergessen. Unsicherheit. Zukunftsangst, forciert durch komplette Ratlosigkeit, wie es jetzt weitergehen soll, nicht nur persönliche Ratlosigkeit, sondern Ratlosigkeit aller. Verhandlungen stehen aus, Umsturz in der britischen Regierung, im gesamten britischen Politgeschehen, Entscheidungen, Bestimmungen, Sitzungen, Ungewissheit, von denen die Lebensrealität aller Europäer*innen abhängt.

Der*die Wähler*in ist immer träge, für Veränderung stimmt man selten. Wenn nicht ganz unerträglich, dann möchte der Status quo erhalten werden. Wie passt das hier rein? Ich möchte behaupten, es passt sehr gut.
Es geht um Angst vor Veränderung, aber nicht Veränderung bei Austritt aus der EU, sondern Veränderung durch Mitgliedschaft in der EU. Die gemeinsame Währungs- und Handelsunion, die die Länder des Norden herunterzieht und wirtschaftlich schwächt, die Flüchtlinge, die in Calais nur darauf warten, Großbritanniens Sozialsysteme zu zerstören, immense Abgaben an diese ferne Brüssler Bürkokratiediktatur, die den britischen genial tollen Wohlstand zerstören, Krankenversicherungsstandards senken, Menschen in die Armut treiben, Arbeitsplätze klauen. So die britisch populistisch akzeptierte Mehrheitsmeinung. Eine verkürzte Sicht, die von UKIP und co einfach befeuert und instrumentalisiert werden konnte. Eine verkürzte Sicht, die vergangene Zeiten, das British Empire, großnationalen Ruhm, Macht und Reichtum glorifiziert, die nicht richtig angekommen ist in dieser Zeit, von der sie wenig versteht. Schaut man auf die Analysen des Wähler*innenverhaltens, ergibt sich genau dieser Schluss. Es kommt nicht von irgendwo, dass scherzhaft eine Begrenzung des Wahlalters nach oben gefordert wird und ernsthaft diskutiert wird, die Begrenzung des Wahlalters nach unten zu lockern. Die Menschen mit Nostalgie und Angst vor Veränderung, die, die sich nicht mehr wohlfühlen in einer globalisierten Welt, sind alt, überwiegend nicht Akademiker*innen und wohnen im ländlichen Großbritannien. Und sie machen grob 52 Prozent der britischen Bevölkerung aus.
Natürlich regt es auf, wenn Menschen, mit 80 in ihrem Weltbild feststeckend, über die Zukunft der jungen, der kommenden Generationen entscheiden. Natürliche liegt es nahe, diese Menschen kopfschüttelnd zu verurteilen, das Wahlalter zu senken, die paar Jahre noch mürrisch auszusitzen bis die 80-jährigen gestorben sind, und Europa wieder schön, heil, links und aufgeklärt ist. Vielleicht geht das noch bei dem Alters-aspekt, doch was ist mit dem ländlichen Raum-, dem nicht Akademiker*innenaspekt? Zukunftsangst und Verlorenheit im aktuellen System nicht ernstzunehmen wäre ein großen Fehler, nicht nur in Großbritannien, nein, in ganz Europa. Es sind genau diese Emotionen, die zu Rechtsruck, zu Auseinanderbrechen beitragen, dazu, dass Europa sich in engen Nationalstaatssorgen wiederfindet.

Es ist an der Zeit, eine Generationendiskussion zu führen. Ja, die 80-jährigen Imperialist*innen sind vielleicht in ein paar Jahren tot, aber das Problem der alten Generation, die die schnelle, globalisierte, verwobene Welt nicht versteht, die die Zusammenhänge zwischen Europäischer Verantwortung und Schuld, Humanismus und Kolonialismus, Vorreiter- und Ausbeuterrolle nicht ziehen wollen oder können, bleibt. Europa wird älter. Es ist daher beinahe zukunftsvergessen und definitiv mehr als blauäugig, eine “Ach-das-wird-schon-alles-wieder-gut”-Einstellung anzunehmen. Nein, es wird nicht wieder gut, es wird schlimmer, wenn wir nicht begreifen, dass dieser Generationenspalt nicht nur jetzt gerade existiert, sondern sich weiter öffnen wird, dass wir, die jetzt Jungen, Linken, Guten, irgendwann die Alten, Trägen, Nostalgischen, Nicht-verstehenden sein könnten. Genau damit muss sich jetzt auseinandergesetzt werden. Woher kommt dieser Spalt? Wann wurde die Welt zu schnell? Warum fühlen sich die Alten abgehängt, ohne Verständnis und ohne Menschen, die erklären?

Es ist an der Zeit, eine Debatte über ländliche Räume und ihr Spannungsverhältnis zum anderen Extrem Stadt zu führen. Wir leben in einer Zeit, in der Städte diverse, multikulturell, aufgeklärt, offen, alternativ sind. In der Stadt spielt die Musik, das Land wird zur bildungs- und lebensarmen Einöde. Auf der Insel dreht sich alles um die Metropole London, die Universitätsstädte Oxford und Cambridge bilden die aus, die später in der City das Sagen haben. Andere Städte spielen nur noch untergeordnete Rollen. Cottages, die Idylle des ländlichen Raumes existieren vielleicht bei Jane Austen, während ihre Realität langsam verfault, zusammen mit ihren ausharrenden Bewohner*innen. Der*die Städter*in schaut auf die Pampa, die Einöde, das Dorf, das Nichts herab: Schön, dass ich, meine Eltern, meine Großeltern,… es rechtzeitig vor dem Absterben geschafft haben da wegzuziehen. Dialog und gemeinsame Teilnahme an einer Gesellschaft findet kaum statt. Trotzdem oder genau deshalb, diese Fragen müssen gestellt werden: Wieso sind unsere Lebensrealitäten und Weltbilder so sehr verschieden? Woher kommt diese Divergenz? Und wie werden wir sie wieder los?

Es ist an der Zeit über Bildungsprivilegien, Exklusivität, Intellektuell-Sein zu reden. Es ist an der Zeit, sich Fragen zu stellen, die eigene Privilegien reflektieren, die fordern, aus der Schöne-heile- linke-Welt Blase auszubrechen. Diese Diskussion ist unangenehm, es passt nicht ganz in ein egalitaristisches Weltbild über Unterschiede zu reden, die Diskussion artet oft aus, zu eine Storytelling Session, von Papa, der schon früh Nietzsche vorgelesen hat, und von Mama, die Szenen aus der griechischen Mythologie gezeichnet hat, dahin, dass selbst während des Reflektierens mit der eigenen Bildung angeben wird, dass von einem vermeintlich so hohen Plateau diskutiert wird, von dem aus man sich zu schade ist, andere zu Wort kommen zu lassen. Sollte deshalb die Diskussion über Chancen, Klassen, Gesellschaft nicht geführt werden?. Nein. Das Tabuisieren der Auseinandersetzung mit Privilegien führt lediglich dazu, Privilegien zu perpetuieren, die andere Seite, die Lebensrealität ohne Privilegien, weiterleben zu lassen und damit indirekt ein Klima der Angst vor Zukunft und Fremdem, Unbekanntem zu fördern. Es geht mir um einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, darum, alle in dieser Gesellschaft mit in eine weltoffene Zukunft zu nehmen.

Jetzt über Brexit zu meckern, mit Unverständnis den Kopf über die dummen Brit*innen zu schütteln und dann im Alltag weiterleben, reicht nicht. Europa braucht jetzt Lösungen, Europa braucht jetzt vor allem eine Analyse dessen, was in Großbritannien passiert ist. Dass der Ausgang dieses Referendums nicht kleiner Fehltritt, sondern aktueller Trend ist, den man vorher und auch immer noch einfach und gerne unterschätzt, muss ankommen, muss Thema werden. Wenn es stimmt, dass Generationen, Menschen aus Land und Stadt, Menschen mit verschiedenen

Bildungsrealitäten weiter auseinanderdriften – und die britische wie auch die gesamteuropäische Gesellschaft zeigen das eindeutig, – muss sich damit auseinandergesetzt werden, darf das nicht kleingehalten und an den Rang gedrängt werden. Es muss über Gesellschaft und unsere Vorstellung von Zusammenleben diskutiert werden und es müssen Lösungen entwickelt werden, die alle mitnehmen, so unangenehm und problematisch die Reflexion der eigenen Lebenssituation auch sein mag. Es geht hier um unsere Zukunft, darum, Unsicherheit ernstzunehmen, ihre Motivation zu analysieren und zu handeln. Das britische Referendum hat alle aufgeweckt; jetzt wieder einzuschlafen wäre ein riesiger Fehler, an dem nicht nur Europa stirbt sondern auch europäische Ideale, und noch vielmehr unsere Ideale von Freiheit, Gleichheit, Offenheit.

Paula studiert ab diesem Herbst Philosophie in England. Sie ist seit 2014 in der Grünen Jugend und koordiniert das Fachforum Globales und Europa. Außerdem ist sie Mitglied der internationalen Koordination und bei FYEG aktiv. Paula liebt Sartre und verworrene pseudointellektuelle Konversationen

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Paula studiert ab diesem Herbst Philosophie in England. Sie ist seit 2014 in der Grünen Jugend und koordiniert das Fachforum Globales und Europa. Außerdem ist sie Mitglied der internationalen Koordination und bei FYEG aktiv. Paula liebt Sartre und verworrene pseudointellektuelle Konversationen

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