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Mission: Vorrunden-Aus

„Deutschland über alles“-Rufe schallen laut durch die Innenstadt. Eine türkischstämmige junge Frau wird von einer Gruppe junger Menschen als „Scheiß-Ausländerin“ beschimpft. Was nach einer Szene aus längst vergangenen Zeiten klingt, ist 2014 in Deutschland ganz real.

Vor allem im Zuge der Männer-Fußball-Weltmeisterschaft trifft man überall auf das Phänomen des „Party-Patriotismus“. Was an sich nett und lustig klingt, ist in Wahrheit aber ein gesellschaftlicher Prozess mit nachgewiesenem Effekt auf Rassismus und Nationalismus.

Seit der Männer-Fußball-WM 2006 fing man in Deutschland an, von einem „unverkrampften Patriotismus“ zu reden. Nachdem man sich schon so viele Jahre für die deutsche Vergangenheit schämen musste, war es nun an der Zeit, wieder stolz auf sein Land zu sein. – Endlich! Viele Politikerinnen und Politiker lobten sogar den aufkeimenden Nationalstolz als ein Zeichen für das deutsche Selbstbewusstsein und „wir sind wieder wer“-Gefühl.

Doch in diesem Sammelbecken von scheinbar harmlosen Patriotinnen und Patrioten sammelt sich auch rassistisches Gedankengut, das durch eine Abgrenzung von „denen“ und „uns“ deutlich wird. Denn so wird hervorgehoben, dass dieses deutsche Zugehörigkeitsgefühl auch immer bedeutet, dass andere ausgegrenzt werden. Nationalismus ist immer exklusiv und stellt somit eine immense Gefahr für andere dar. Der Begriff des Nationalismus impliziert nämlich, dass das eigene Land besser sei als andere. Eine solche Ideologie ist demnach für alle scheinbar „Nicht-Deutschen“ bedrohlich und vor allem Nicht-Weiße werden häufig Opfer von Anfeindungen und Gewalttaten. Die gemeinsame Identifikation mittels nationaler Symbole bewirkt schließlich, dass es während Public Viewing-Veranstaltungen oftmals zu Situationen kommt, in denen Nicht-Weiße stark gefährdet sind.

Eingepackt in sportliche Phrasen mag es anfangs gar nicht stark auffallen, dass plötzlich „Deutschland es den Franzosen endlich heimzahlt“. Das zeigt aber, dass es im Fußball längst nicht mehr nur um Sport geht, sondern um nationale Identitäten. Diese aktuelle gesellschaftliche Entwicklung begünstigt Rassismus und Ablehnung von demokratischen Errungenschaften, wie eine Studie der Universität Marburg schon vor acht Jahren feststellte.

Nach der Weltmeisterschaft sind solche Tendenzen noch weiter gestiegen – ein Zeichen für den negativen Effekt von Patriotismus und Nationalismus. Gerade auch in sozialen Netzwerken potenzieren sich rassistische Aussagen schnell. Kurz nach dem ersten Spiel der deutschen Herrenmannschaft am 16. Juni teilte der Journalist Sören Kohlhuber ein Video einer Gruppe deutscher Fans, in dem „Sieg Heil“ gerufen wurde. Darauf folgte nicht etwa betretenes Schweigen, sondern im Gegenteil, es folgte Gelächter. Dies macht deutlich, dass während WM-Feten selbst strafrechtlich verfolgte Ausrufe scheinbar toleriert werden und zeigt erneut das Gewaltpotenzial, das von solchen Veranstaltungen ausgehen kann.

Natürlich sind nicht alle fahnenschwenkenden Menschen gleich Nazis. Aber dieser „Party-Patriotismus“ verursacht auf lange Sicht einen Normalzustand, in dem Nationalstolz, Rassismus und Antisemitismus immer häufiger auftreten. Deshalb ist der aktuelle gesellschaftliche Trend äußerst kritisch zu betrachten. Rassistische Übergriffe während der WM sind jetzt schon als Omen zu verstehen für das, was aus einer solchen nationalistischen Grundhaltung entstehen kann. Und Deutschland sollte dies wohl am besten wissen.

Weiterführende Links:

„Sieg Heil“-Video: https://de-de.facebook.com/photo.php?v=1460365267539232&set=vb.100006973176456&type=2&theater

Text von Netz gegen Nazis zum Zusammenhang von Nationalstolz und Rassismus: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/fuehrt-fussball-nationalstolz-zu-rassismus-5555

Studie der Universität Marburg: http://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2006/20061213studie/20061213studie

Rassistische Übergriffe während der EM 2008 und 2012 : http://www.spiegel.de/sport/fussball/fi-na-le-deutsche-fans-im-rausch-tuerken-feiern-mit-a-562122-6.html , http://www.lautgegennazis.de/blog/2012/06/29/29-06-2012-kein-sieg-aber-dafur-ausreichend-rassismus-und-gewalt-nach-dem-ausscheiden-der-deutschen-nationalmannschaft-im-halbfinale-der-europameisterschaft-ein-bericht-von-der-berliner-fa/

Wolfgang Schäuble über Patriotismus: http://www.presseportal.de/pm/9377/836999/bundesinnenminister-dr-wolfgang-schaeuble-bei-der-zeit-matinee-keine-patriotismus-welle-durch

Weiteres Material:

Unser_e Gastautor_in Franzi Marmelade twittert unter @FranziMarmelade und ist mal hier, mal da, aber immer gegen Nazis.

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