AntiFa & AntiRa
Kommentare 1

Party, Patriotismus, Pokémon.

Schland, Deutschland, oder was ?

Nun ist wieder Fußball WM der Männer, aber es könnte auch den Eurovision Song Contest (ESC ) betreffen, und schon wieder belastet die Grüne Jugend eine sehr emotionale Debatte. Von beiden Seiten wird diese leider nicht immer fair geführt. Eine Debatte, die ich in der Form erst seit meinem Engagement bei der Grünen Jugend kenne. Schon als Kind war ich Fußball-Fan. Aufgewachsen bin ich in und um Köln in einem multi-kulturellen Freundes- und Schulkreis, seit jugendlichen Jahren habe ich mich engagiert gegen Nazis und deren Gedankengut und bin mit Ende 18 dann 2008 den Grünen beigetreten. Den Widerspruch in diesen Punkten meiner Vita sah ich damals nicht –und auch heute kann ich einiges an der Kritik nicht teilen. Aus dieser subjektiven Perspektive schreibe ich nun, ohne dies künstlich politikwissenschaftlich und historisch oder mit Zitatensammlungen bzw. vermeintlichen Studien aufzuladen. (Das lässt auch die Zeit gerade nicht zu.)

Ein bisschen Frieden, denn der Ball ist nur rund.

Es klingt banal, aber da alles als politisch gilt, vergisst man leicht, dass es sich nur um einen sportlichen Wettbewerb handelt. Solche Events sind Katalysatoren, die Ablenken von dem Stress und den Sorgen des Alltags. Sie ermöglichen impulsive Gefühle von Trauer, Freude und auch Wut zu verspüren, ohne eigentlich wirklich bedeutend zu sein. Es gibt jedoch keinen Wettbewerb und keine Spannung, wenn es keine sportlich gegen einander antretenden Gegner geben würde. Nur in diesen beispielhaften 90 Minuten sollte es diesen rein sportlichen Wettbewerb geben, wo sonst Kooperation und gemeinsames Feiern unser Ziel und unsere Realität sein sollte.

Hier bieten sich für ein alle vier Jahre stattfindendes Event Nationalmannschaften mehr als Vereinsmannschaften an, da mit diesen möglichst viele Fans mitfiebern können. Wird die Champions-League seit Jahren nur entschieden von Vereinen mit abermillionen an Etat, haben bei der WM Länder Chancen gegen Länder mit 10 mal mehr Einwohner*innen, aus denen sich theoretisch die Mannschaft bilden könnte.

Aufkochende Emotionen und Alkohol führen aber leider auch dazu, dass Einstellungen ungehemmt geäußert werden, die wir nicht tolerieren dürfen. Diese existieren auch ohne Fußball und stehen im krassen Gegensatz zu dem, was auf dem Platz zu sehen ist. Schlimmerweise verschwimmt manchmal auch Kritik an den Mannschaft und den Ländern an sich. Es steht außer Frage, dass wir uns gegen Rassismus und Chauvinismus stellen müssen; egal wo sowas geäußert wird.

Alle reden von Fußball. Wir reden von Deutschland.

Es hilft aber natürlich nichts, nicht über Deutschland zu schreiben, wenn gerade bei einer WM Schwarz-Rot-Gold einem gefühlt von jedem Gesicht, Blatt und Wand anspringt. Dazu kommen selten dumme Beiträgen on- und offline, die von „Stolz“ bis hinzu gefährlicherem Unsinn reichen. Nicht zu leugnen ist, dass die Identifikation mit der Mannschaft auch eine emotionale Verbundenheit mit Deutschland als Heimat ausdrückt. Und hier müssen wir die Realität der Mannschaften der letzten Jahre betonen, die mit den Spielern die bunte, deutsche Gesellschaft widerspiegeln. Wir wollen, dass Deutschland Heimat wird für Menschen aus aller Welt, besonders die wegen Verfolgung, Krieg und Armut ihre erste Heimat existentiell verloren haben. Natürlich ebenso für alle Menschen hier gleich ihrer Religion, Herkunft, Geschlecht und Sexualität. Es gibt eine lange Liste von Sympathie- und Leistungsträgern von z.B. Mehmet Scholl über Gerald Asamoah bis heute Özil und Podolski, die genau das verkörpern. Mit so einem Team kann man sich identifizieren, in so einem Land darf man sich zuhause fühlen. Das Deutschland das wir wollen geht nur als offener und friedlicher Teil der Welt, als Demokratie und Rechtsstaat mit Respekt und Achtung gegen über allen Menschen. Wenn Menschen das „alte Deutschland“ haben wollen, müssen wir uns dagegen stellen. Wir dürfen nur WMs feiern die Nazis niemals schmecken.

Menschen sind keine Pokémon

Manchmal neigen wir auch in der Grünen Jugend dazu – wie alle Menschen – Menschen einfach zu beurteilen. Menschen sind jedoch keine Pokémon; es gibt keine gerade Entwicklung von Fußball-Fan zum Nationalisten zum Nazi. Wir glauben ja auch nicht, dass Menschen, die in Taizé waren, sich zu Pius Brüdern und dann zu Kreuzrittern verwandeln.

Unsere Art zu politisieren und problematisieren, besonders in der symbolischen und artikulierten Drastik, verschreckt auch Menschen, die unseren Ideen und Zielen positiv gegenüber stehen. Auch wenn man mit der ganzen WM Folklore und dem ganzen Tam Tam nichts anfangen kann, haben wir keinen erzieherischen Auftrag. Es gibt ein gewisses Recht auf Dummheit, daher lassen wir jeder*m Karneval, wer Spaß dran hat, und es ist ein Grund warum wir Drogen legalisieren wollen. Deswegen müssen wir auch den Party-Patriotismus etwas entspannter sehen. Manifeste Probleme hingegen wie z.B. mit der FIFA oder gruppenbezogen menschenfeindlichen Einstellungen und Taten sind etwas das wir problematisieren müssen und wo auch unser politischer Auftrag beginnt. Dies müssen wir jedoch auch bei anderen Events ohne Party-Patriotismus machen.

Einige positive Aspekte der WM sollten auch genannt werden. Durch die Unterschiedlichkeit der Austragungsorte, der Mannschaften, und jedem einzelnen Spieler, werden Probleme erst wahrgenommen wie. z.B. Armut, Gewalt und Diskriminierung. Hier und in der Ferne. Trotz der Banalität des Fußballs an sich haben solche Events die Chance, dass Menschen sich näher kommen und sich kennenlernen. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen zeigen bei den letzten WMs mit ihren unterschiedlichen Expert*innen und Side-Kicks über das Spielfeld hinaus die Alltagswelt von Menschen in aller Welt und aller ökonomischen Lage. Wie auch die Lebensgeschichten der Spieler Lebensrealitäten zeigen, die sonst fremd bleiben würden. Auch in den Fans spiegelt sich diese bunte Gesellschaft wieder, die zusammen feiern; diese Fans sind kein Problem.

Lasst uns als Grüne Jugend kritisieren, was es wirklich zu kritisieren gibt. Lasst Menschen feiern, wie sie wollen. Lasst uns die Deutungshoheit was Deutschland ist und sein kann nicht an Rechte und Konservative abgeben. Lasst uns fair miteinander und mit anderen umgehen. Lasst uns für Inhalte und konkrete Politik streiten.

Unser Traum von einer Welt ohne Grenzen, die demokratisch und sozial zusammenarbeitet und hält, ist auch mit Fußball möglich. Länder können ruhig mit Bällen und Liedern konkurrieren, sie sollten es niemals mit Märkten und Militär machen.

1 Kommentare

  1. Julius Kötter sagt

    Ich finde es sehr scheinheilig, auf der einen Seite zu kritisieren, beide Seiten würden ja teilweise sehr unfair vorgehen und auf der anderen Seite die Unwissenschaftlichkeit des eigenen Artikels damit unter den Tisch zu kehren, dass man einfach mal den wissenschaftlichen Arbeiten (die ja vor allem auf die Gefahren des Event-Patriotismus hinweisen) ihre Wissenschaftlichkeit abspricht, indem man von „künstlicher Politikwissenschaft“ und „vermeintlichen Studien“ spricht. Das finde ich schon sehr unfair, billig und polemisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.