Bildung, Soziales
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Politcal (In)Correctness & die Unterhaltungsmedien

„Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung!“

– Mit diesen Worten beschreibt Serdar Somuncu, der sich selbst in einem seiner Bühnen-Programme in gewohnt derber Manier „der Hassprediger“ nannte, wie er politische Diskurse ins Rollen bringt und für Streit mit aufklärerischer Wirkung zu sorgen versucht.

Doch was bewirken Kabarett, Comedy, Musik und andere Formen der Unterhaltung, die die Normen der Political Correctness bewusst überschreiten, die gezielt mit Diskriminierung spielen, und die nicht bloß über einzelne Politiker*innen herziehen, sondern ohnehin schon stigmatisierte und diskriminierte gesellschaftliche Gruppen verhöhnen? Es ist auf den ersten Blick schwer vorstellbar, dass das aufklärerische Ideal, Menschen zu mehr Selbstreflexion, Toleranz und Offenheit zu motivieren, tatsächlich verwirklicht wird, auch wenn Menschen wie Serdar das mit ihrer Kunst verfolgen mögen. Kürzlich ist im SPUNK ein Beitrag zu Political Correctness erschienen, der sich ziemlich rigoros gegen jegliche Form des politisch inkorrekten Regelbruchs stellt. Wenn man ihren Beitrag liest, ist es schwer vorstellbar, dass Regelbrüche, wie sie Menschen wie Serdar Somuncu quasi beruflich begehen, einen positiven Effekt haben können. Serdar, der u.a. in Schulen aus Hitlers „Mein Kampf“ vorlas und die jeweiligen Passagen mit der nötigen Portion Kritik kommentierte, um den Schüler*innen den Wahnsinn und die Absurdität dieses faschistischen Pamphlets und brauner Ideologie im Ganzen zu verdeutlichen, steht dabei aber offenkundig für Anti-Rassismus und kritische Bildung ein. Ich denke, ein Blick auf die Funktionsweise von Satire, Ironie und dem Spiel mit Political Incorrectness ist deshalb interessant und wichtig, da Kabarett, aber gerade auch Comedy-Serien wie Southpark mit der Figur Cartman, dem antisemitischen, sexistischen, homophoben und in jeglicher anderen Weise diskriminierenden kleinen Arschloch, sowie Musik wie die von K.I.Z., Alligatoah oder den 257ers momentan ausgesprochen populär sind und insbesondere auf viele Jugendliche immensen Einfluss ausüben, der ihr soziales, vielleicht sogar politisches Denken prägt.

Was bewirken also diese als geistige Brandstiftung anmutenden Formen der Unterhaltung in den Köpfen der Menschen – kritische Reflexion oder die Zementierung diskriminierender Denkmuster?

Das Erste, was offenkundig passieren kann, wenn Menschen andere Menschen negativ diskriminieren und stigmatisieren, ist die Re_Produktion dieser Stigmata und die Kategorisierung in bestimmte gesellschaftlich konstruierte, unterdrückende Rollen und Klischees, wie bspw. die der „faulen, dummen Ausländer“, der „gierigen Juden“, der „gefügigen Hausfrau“ oder anderen.

Doch macht Satire mehr als das. Sie überspitzt, nimmt sich selbst nicht ernst und distanziert sich somit von dem Gesagten. Wenn K.I.Z. singen

„Er kommt und er fickt dich,
ist ein Sozialhilfeempfänger.
Er macht den ganzen Tag Fitness
und is‘ der Psycho-Gangbanger,
also mach keine Faxen,
deine Freunde sind Spasten.
Er hat Vorstrafenregister,
23 Geschwister,
er ist bewaffnet,
ein Schlitzer.
Du Opfer, was willst du machen,
überall sind Kanacken.“,

nehmen sie das Klischee, Menschen mit Migrationshintergrund seien faul, asozial und kriminell, unmissverständlich aufs Korn. Das Wort „Kanacken“ so zu konnotieren, ist nichts anderes als ein Mittel der Reflexion; es dient als Spiegel für unreflektiert über „Ausländer“ schimpfende Menschen, die gelegentlich auch mal das Bild vom „kriminellen Kanacken“ verwenden, um ihren langweiligen Anekdoten aus dem Alltag ein wenig Würze zu verleihen und ihren Stammtisch zu bedienen. Es werden eben solche Klischees gebündelt in ein einziges Lied gepackt, um die volle Ladung Idiotie zu verdeutlichen, die Menschen bewegen muss, um sich bei jenem Repertoire rassistischer Vorurteile zu bedienen, wenn sie mal wieder unhinterfragt über Menschen mit Migrationshintergrund in sozialen Brennpunkten herziehen.

Damit schafft diese Form der Kommunikation etwas Paradoxes: Sie bricht die Regeln der Political Correctness, um diese im gleichen Atemzug wieder zu fundieren, indem sie die Absurdität von Klischees und Stigmata enttarnt, und den Irrsinn von Diskriminierungsformen wie Rassismus aufdeckt, mit denen sie gerade reflexiv spielt.

Aber zugegeben: Wer leichtfertig rassistische oder sexistische, homophobe etc. Parolen äußert, dem*der darf guten Gewissens die nötige Motivation und die Reflexionsfähigkeit abgesprochen werden, die Ironie der Texte von K.I.Z. oder des Bühnen-Programms von Serdar Somuncu zu verstehen. Es geht also bei der Funktionsweise von Satire und Ironie auch um das Verhältnis von Sender*in zu Empfänger*in. Dieses Verhätnis ist insbesondere in Bezug auf die Betrachtung der Auswirkungen von Satire auf Jugendliche zu beachten: Können wir davon ausgehen, dass junge Menschen stets den Sinn der Überspitzung, bspw. bei Cartman von Southpark, verstehen? Vermutlich nicht. Und ist es dann nicht kontraproduktiv, was diese Form der Unterhaltung damit bewirkt? Vermutlich. Denn es geht nicht um das, was vermittelt werden soll, sondern immer darum, was tatsächlich vermittelt wird.

Es kommt also wesentlich auf die Empfänger*innen an. Bewältigen sie den hohen Reflexionsanspruch, verstehen sie die Pointe, die hinter der augenscheinlichen Diskriminierung steckt?

Offenkundig tun das nicht alle Menschen, die sich die Programme ansehen, in denen mit Political Incorrectness jongliert wird. Stigmata werden bei einigen Menschen somit sicherlich auf eine gewisse Weise re_produziert, auch wenn eigentlich das Gegenteil von den Künstler*innen intendiert ist. Doch sollten wir anerkennen, dass rassistische, sexistische oder anderweitig diskriminierende Ideologien nicht auf diesen unterhaltenden Inhalten fundiert sind. Nazis sind ganz bestimmt keine Fans dieser Satire, weil sogar sie verstehen dürften, dass die Übertreibung, die dort geübt wird, irgendwie nicht ganz ernst gemeint sein kann und dementsprechend eher weniger ihrem Weltbild entspricht. Ich denke, diese Ahnung, dass diese derben Witze irgendwie nicht ganz ernst gemeint sein können, hat jede*r. Und aus diesem Grund ist der ironische Bruch mit der Political Correctness, das bewusste Übertreiben von Stigmatisierung und Diskriminierung etwas Gutes, da es überall, also in allen gesellschaftlichen Schichten, als zumindest etwas realitätsfern und als nicht wirklich ernst zu nehmen verstanden wird. Daher sollte gerade die linke Szene, die sich für Anti-Diskriminierun einsetzt, aber Schwierigkeiten hat, ihre Inhalte für die gesamte Breite der Gesellschaft präsent und verständlich zu gestalten – Stichwort: links-intellektuelle Blase –, versuchen, auf diesem Weg Eingang zu finden in gesellschaftliche Felder, die von den linken Diskursen für gewöhnlich unberührt bleiben. Und von diesen gesellschaftlichen Feldern gibt es einige! Um nur ein paar Beispiele zu nennen, die tendenziell zu diesen Feldern gehören: Jugendliche aus bildungsfernen Milieus, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen ohne höheren Bildungsabschluss, aus Arbeiter*innen-Milieus, u.v.m.

Die Positionen, die wir bspw. selber in der Grünen Jugend vertreten, sind in aller Regel relativ komplex, bauen auf sozialwissenschaftlichen Theorien auf und werden nicht selten von nur wenigen Menschen innerhalb der Gesellschaft gänzlich durchdrungen und verstanden.

Wenn wir dann die Möglichkeit haben, unsere Inhalte, wie hier im Bereich der Anti-Diskriminierung, zumindest in irgendeiner Form näher an die genannten sozialen Felder heranzutragen, die sonst gar nicht damit in Berührung kämen, sollten wir diese Chance wahrnehmen und zumindest versuchen, unsere Inhalte dorthin zu transportieren.

Natürlich, es geht immer auch darum, wie über Dinge gescherzt und gelacht wird, und welche Dinge ins Visier der Ironiker*innen geraten. Nehmen wir als Beispiel mal einen Bereich, der höchst prekär ist, um die Grenzen die Stichhaltigkeit des Ganzen auf die Probe zu stellen: das Lachen über körperliche oder geistige Beeinträchtigungen. Das Nachahmen von Spastiken, Epilepsie, sprachlichen Schwierigkeiten oder sonstigen Verhaltensauffälligkeiten ist diskriminierend. Aber ist das bei jeglicher Form des Humors über Behinderungen so? Ich glaube, das Gegenteil trifft es schon eher: Menschen mit bestimmten physischen oder psychischen Beeinträchtigungen, aber auch Menschen mit anderen gesellschaftlich bedingten Nachteilen – oder kurz: alle Menschen, die nicht zu den gesellschaftlich Privilegierten gehören – werden häufig erst dadurch separiert, dass sie eine Sonderbehandlung erfahren. Gerade Menschen mit Behinderungen werden eigentlich unentwegt in einen Schutzraum gestellt, was natürlich nicht an ihnen vorbei geht. Auch durch zu viel Gutmütigkeit kann unbewusst Stigmatisierung betrieben werden, in diesem Fall das Stigmata der Hilfsbedürftigkeit und mentalen Sensibilität. Dabei separiert genau diese Verhaltensweise gegenüber anderen Menschen eben jene von anderen. „Behinderungen“ ist als Begriff gerade deswegen in der Kritik, weil Menschen als „behindert“ aufgefasst werden, wobei eigentlich angestrebt werden sollte, die Gesellschaft als ausschlaggebend dafür zu betrachten, dass diese Menschen „behindert“ werden – weil die Gesellschaft nicht barrierefrei ist! Dieses Schema lässt sich auf eigentlich alle Arten der Diskriminierung übertragen, nicht bloß auf den hier beispielhaft aufgegriffenen Ableism. Das Stichwort ist hier „Inklusion“: Inklusion von Menschen mit bestimmten Charakteristika in sich als homogen betrachtende gesellschaftliche Gruppen, bspw. Menschen mit Migrationshintergrund zu inkludieren in die Gruppe der „Inländer“ – es geht darum, Unterschiede aufzulösen, da sie nichts weiter sind als Konstrukte, die gesellschaftlich aufgebaut sind. Theoretisch betrachtet lässt sich dieser Weg zur Inklusion in grob vier Stadien einteilen: Exklusion – Separation – Integration – Inklusion.

Wenn Menschen aufgrund bestimmter Eigenschaften nun eine besondere Behandlung durch ihre Umwelt erfahren, werden diese Eigenschaften erst als besonders Wert der Beachtung und Berücksichtigung konstruiert. Inklusion wäre aber eben genau das Auslösen dieser Stigmatisierung. Menschen deshalb in einen bestimmten Schutzraum zu versetzen, der sie bspw. vor – natürlich nur bestimmte Formen der – Belustigung über sie bewahren soll, separiert sie in bestimmten Zügen von ihrer Umwelt und ist damit nicht inklusiv, sondern bestenfalls integrativ.

Natürlich geht es, wie schon gesagt, immer um das „Wie?“ der Humorisierung. Eine Grenze dürften, um am Beispiel der Verhaltensauffälligkeiten zu bleiben, mitunter Schmerzen sein, die Menschen aufgrund von bestimmten Eigenschaften chronisch oder akut haben. Selbstverständlich gibt es solche Grenzen, aber diese liegen weit außerhalb dessen, wo sie derzeit häufig gesehen werden.

Humor darf also, um nicht an der Herausforderung der Inklusion zu scheitern, keine Grenzen zwischen Menschen konstruieren. Er muss gewissermaßen egalitär sein, um nicht diskriminierend zu sein.

Und diese Egalität drücken Menschen wie Serdar Somuncu in flächendeckender Beleidigung und dem Recht einer jeden Minderheit auf Diskriminierung aus. – Oder um es mit der feinfühligen Polemik Serdars zu sagen:

Der Deutsche hat eine historische Verantwortung zum Humor. Das heißt: Wer nicht lacht, ist [der eigentliche] Nazi.“

Marcel ist 23 Jahre jung, studiert Philosophie, Deutsch, Soziologie und Bildungswissenschaften an der Uni Bielefeld und ist seit April 2014 Mitglied der SPUNK-Redaktion.

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