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Queere Zeitpolitik?

 Wenn Politikfelder aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden sollen, nutzen die meisten Menschen Assoziationen, also mentale Shortcuts zu verbundenen Konstrukten. Dabei bieten sich besonders gesellschaftlich relevante Bilder oder Erzählungen an, als Prototyp des zu behandelnden Problems zu fungieren. Assoziationen sind häufig ein erster Anhaltspunkt für Gedankenspiele, die an ihnen durch getestet werden und natürlich liegen eigene Erfahrungen und Wünsche in der Assoziationskette weiter vorne, da sie relevant für die individuelle Entwicklung sind oder waren. Dabei kommen neben den biographischen Aspekten gesellschaftlich reproduzierte Bilder schnell zu Tage. Vater-Mutter-Kind wird eher das Bild der klassischen Familie sein als die Alleinerziehende. Monogame Pärchen sind der Inbegriff von Beziehungen anstatt polyamorer Gemeinschaften.
Wenn wir also über Arbeitszeitverkürzung, über gerechtere Verteilung von Carearbeit, vom Zeit haben für Freizeit, Selbstverwirklichung und derlei diskutieren, muss der Blick auch auf die Lebensumstände und Bedürfnisse der Menschen geworfen werden, die diese Fragen für sich jeweils beantworten. Denn eine Gesellschaft, die kleinere soziale Gruppen auslässt in ihren Überlegungen tut sich keinen Gefallen, wenn sie ihre Pluralität vernachlässigt.
Besonders die Belange nicht privilegierter und marginalisierter Gruppen sollten für jedes politische Instrument mitbedacht werden.

Es scheint ein profaner Anspruch zu sein, der trotzdem ein elementares Messinstrument von Gerechtigkeit und Machtgefügen ist.

Mit oder ohne Arbeitszeitverkürzung und der Anerkennung von ehrenamtlichen Diensten werden die Fragen und Probleme queerer Menschen an vielen Stellen bleiben: Ob die Krankenversicherung besondere Behandlungen finanziert, wie Non-binaries ihr Geschlecht im Pass angeben, ob mit einer Geschlechtstransition weiterhin erhebliche Einbussen in der Karriere hingenommen werden müssen oder ob Diskriminierung und Gewalt gegen queere Menschen auf dem jetzigen Niveau stagniert wird.
Ebenso gibt es spezifisch Zeitpolitisches, das bedacht werden muss. Kann denn ein homosexuelles Pärchen auf genauso viel Verständnis wie ein heterosexuelles hoffen, wenn sie eine Arbeitszeitverkürzung zugunsten der Carearbeit wollen, insbesondere wenn vorherrschende Rollen- und Familienbilder sich nicht verändern ? Wie steht es um Elternzeit für nicht leibliche Kinder polyamor lebender Gemeinschaften?

 

Eine zeitpolitische Debatte losgelöst von den gesellschaftlichen Zuständen, die bereits heute die Lebensrealitäten vieler queerer Communities weitgehend ignoriert oder sogar verneint führt schlimmstenfalls zu noch schlechteren Bedingungen.

Denn eine zeitliche Flexibilisierung einer Gesellschaft kann im neoliberalen Gewand viel Schaden anrichten. Wie wird sich das auf Diskriminierungsverhältnisse und Rollenbilder auswirken? Werden diese schwächer, deutlicher oder einfach nur anders? Kann eine Individualisierung dazu führen, dass die eigene Lebenssituation noch stärker nach eigenen Entscheidungen und weniger aufgrund struktureller Hindernisse beurteilt wird? Und auch wenn Menschen selbstbestimmter über ihre Zeit walten können, muss das nicht gleichbedeutend mit gesellschaftliche Anerkennung oder Toleranz gegenüber den „Freizeit“beschäftigungen sein.

Die Bilder und Assoziationen mit denen wir arbeiten, sind wichtig, denn sie erleichtern uns viele alltägliche Entscheidungen. Sie schränken aber auch den eigenen Horizont auf das Bekannte und das Erwünschte ein. Nur im Dialog mit unterschiedlichen Bedürfnissen ermöglichen wir auf Augenhöhe aller das Zeitmanagement einer Gesellschaft auszuhandeln.

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