Berichte, Bildung, Queerfeminismus
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Seminarbericht "Queeres in den Unterricht!"

Von Toleranz zu Akzeptanz

Komisch. Die Bildungspläne in allen deutschen Bundesländern haben nichts, gar nichts von Dildos, Peitschen und Pornos, Kamasutra-Anleitungen oder Ähnlichen zum Inhalt. Auch nicht die in Baden-Württemberg. Anscheinend haben die Organisator*innen von der „Demo für alle“ und die „Besorgten Eltern“, die wiederum mich in Sorge versetzen, die Bildungspläne nicht richtig gelesen.
Auf dem vergangenen Seminar „Queeres in den Unterricht“ des Fachforums Bildung der GRÜNEN JUGEND haben wir uns mit den Bildungsplänen aller Bundesländer beschäftigt.
Drei Tage haben wir uns damit auseinandergesetzt, wie man Queeres in den Unterricht bringen kann, in welchen Fächern, welche Inhalte vermittelt werden sollen, wie Diskriminierung vermieden und gendersensibler Unterricht funktionieren kann.

Auffällig war, dass viele Bildungspläne zwar gute Ansätze wie „Toleranz“ und das Thema Homosexualität beinhalten, die Realität aber oftmals anders aussieht: Im Austausch mit den Teilnehmer*innen des Seminars wurde immer wieder von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Homosexualität wird häufig ausschließlich mit „schwul“ gleichgesetzt. Wenn man das Glück hatte, in der neunten Klasse nicht nur über Heterosexualität zu sprechen, sprach man über schwulen Sex in Verbindung mit HIV-Infektionen. Mehr wurde zu dem Thema nicht gesagt. Erschreckend: Zwei Teilnehmer*innen gingen auf Mädchenschulen, die ja Anlass geben könnten, im (Biologie-)unterricht auch etwas über Bisexualität oder lesbische Sexualität zu erfahren. Sowohl über Gedanken wie „War das jetzt nur rumexperimentieren auf der letzten Abifete oder bin ich vielleicht bi/ lesbisch?“ als auch über Verhütung wurde in den Schulen aber im Rahmen des Unterrichts nicht gesprochen. Verhütung im Kontext von weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualität scheint sowieso ein Thema zu sein, das gerne mal unter den Tisch fällt, weil es dabei ja nicht um Schwangerschaftsverhütung geht und sexuell übertragbare Krankheiten fälschlicher- und gefährlicherweise überwiegend im Zusammenhang mit schwulem Sex thematisiert werden.

Ein weiterer Punkt, über den wir sprachen, war der Toleranzbegriff in den Bildungsplänen. Toleranz ist schön. Es klingt nett. Übersetzt man es in einfache Sprache heißt es so viel wie „Duldsamkeit“. Aber wer will denn schon als Lesbe, Bisexuelle_r, Schwuler, Transgender, Trans- und Intersexuelle_r oder Asexuelle_r nur geduldet werden? Toleranz ist natürlich längst nicht so diskriminierend wie „Ablehnung“, aber auch nicht zu verwechseln mit echter Akzeptanz. Aber wie kann man etwas akzeptieren, über was man gar nichts oder nur sehr wenig weiß oder noch nicht mal selber fühlt? Überforderte Lehrer*innen, Mobbing, Ahnungslosigkeit, Tanzunterricht für Mädchen und Basketball für Jungs sind Alltag an den Schulen in Deutschland. Damit muss endgültig Schluss sein.

Wir haben uns nicht nur mit Kritik, sondern auch mit Vorschlägen für eine gendersensible Bildung auseinandergesetzt: Oftmals scheitert die Akzeptanz von Homo-/Bi-/Trans-/A-/Intersexualität, Transgender oder Queer*-Sein schon daran, dass die Lehrkräfte sich nicht ausreichend mit diesem Thema beschäftigt haben. Damit Lehrkräfte dem Thema gerecht werden und sensibilisiert werden können, schlagen wir eine Kooperation zu Beratungsstellen wie Lambda e.V., sowie Weiterbildungen für Lehrer*innen vor. Des Weiteren wäre es wünschenswert, dass Queeres so „normal“ wird, dass es in allen Unterrichtsfächern enthalten ist. Würde das Thema nur im Biologieunterricht thematisiert werden, entspräche dies wieder nicht einem ganz „normalen“ Umgang. Es muss endlich gleichberechtigt über Formen der nicht-heterosexuellen Sexualität gesprochen werden können. Und zwar in allen Unterrichtsfächern.

Eine weitere Hürde baut sich bei den Begriffen Trans-, A-, Intersexualität, Transgender und Queer* auf. Viele Menschen können nicht nachempfinden, dass man sich mit seiner geschlechtlichen Zuschreibung unwohl fühlt. Um trans-, intersexuellen, transgender oder queeren Jugendlichen den Schulalltag zu erleichtern, braucht es vor allen Dingen einen sensiblen Umgang mit dem Thema Gender – bei Schüler*innen und Lehrpersonen. Auch hier sollen Fortbildungen und Kooperationen mit Beratungsstellen unterstützend wirken.

Klischees müssen auch in den Lern- und Lehrmaterialien abgebaut werden. Diese verunsichern Jugendliche in einer Identitätskrise noch viel mehr. Männer* sollen pink tragen können und in Schulbüchern in rosa Jeans stehen können und Frauen* in Baggy Pants, ohne(!) das dies geschlechtsspezifisch wertend dargestellt wird.

Auch Asexualität wird in der Schule unter den Tisch gekehrt. Um Menschen, die sich selber als asexuell definieren, zu schützen, braucht es Wissen und Prävention vor (sexuellen) Übergriffen und Diskriminierung. Es braucht ein Verständnis dafür, dass einige Leute einfach nichts mit Sexualität zu tun haben wollen und keine Lust darauf haben, immer gefragt werden, ob sie denn nicht nun endlich mal ihr erstes Mal hatten und auch keine Lust auf Sexualität bekommen, wenn sie ständig belästigt werden. Nein heißt Nein. Egal bei wem und zu welcher Zeit!

Weiterhin kam die Forderung nach einer kompletten Reformierung des Sexualkundeunterrichts auf. Verhütung, Schwangerschaft, Schutz vor sexuellen Krankheiten hat man theoretisch schon mal alles gehört, aber so wirklich Ahnung haben die meisten leider nicht.

Es soll über jegliche Sexualform aufgeklärt werden und nicht immer noch mit dem Finger auf Schwule gezeigt werden, dass diese ja schneller an Aids erkranken würden – Bullshit! Jede*r kann sich mit HIV oder anderen Krankheiten infizieren und zwar unabhängig davon, welches Geschlecht die Person hat, mit der man Sex hat.

Des Weiteren sollte ein Fokus auf konsensorientiere Sexualkunde gelegt werden. Immer häufiger passiert es, dass junge Menschen von anderen jungen Menschen zu sexuellen Handlungen gezwungen oder sogar vergewaltigt werden. Sehr oft passiert dies in Beziehungen, wo irgendwann das Argument „…aber du liebst mich doch“ kommt. Jungen Menschen muss klar gemacht werden, dass Liebe nichts, aber auch rein gar nichts damit zu tun hat, was man im Bett macht oder halt auch nicht.
Manche Menschen stehen auf Kuschelsex und andere halt nicht, so lange ein Konsens zwischen den Menschen besteht, sollte und kann jede*r das tun, was er oder sie möchte.

Und damit schließt sich eine Aufklärung über Partnerschaften an, welche meiner Meinung nach wahnsinnig wichtig ist. Ob das jetzt zwingend in den Biologieunterricht passt ist eine andere Frage, aber nur über Sex und nicht über Partnerschaften zu reden erscheint doch mehr als merkwürdig.

Aber so eine Schule besteht ja noch aus viel mehr als dem Unterricht. Auch die Räumlichkeiten müssen so gestaltet werden, dass sich alle Menschen im Schulgebäude wohlfühlen. Unisextoiletten beispielsweise würden erste Barrieren für Jugendliche mit geschlechtsidentitären Problemen abbauen. Wenn es noch geschafft werden würde, diese Toiletten behindertengerecht zu gestalten, hätte man schon vieles mit der Inklusion vereinbart.

Reden kann man viel, aber letztendlich kann es nur als Hilfestellung angesehen werden, wenn der Bund alle Schulen einer Art „Gender-TÜV“ unterziehen würde, so dass die Schulen letztendlich kontrolliert werden, ob sie gender- und queergerecht arbeiten.

Tja, jetzt sitze ich hier, mit viel Wissen und einer utopischen Vorstellung für eine gendersensible Schule. Es wäre toll, wenn das alles in ein paar Jahren kommen würde. Aber dafür muss natürlich erstmal eine offene(re) Gesellschaft her und der politische Wille, das alles umzusetzen.
Aber genau dafür lohnt es sich zu streiten!

Isa ist 19 Jahre alt, macht ein FSJ-P im Landtag NRW in der grünen Fraktion und arbeitet dort im frauen- und queerpolitischen Bereich. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich innerhalb der GJ Düren und auf GJ NRW-Ebene noch mit dem Thema Antirassismus neben der Frauen*- und Queerpolitik.

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