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Sie haben gehört, dass wir queer sind!

Foto von privat mit freundlicher Genehmigung

Über Homofeindlichkeit in Georgien.

Wann erreicht Verletzbarkeit ihren höchsten Punkt?! Bis zum 25. August 2017 habe ich nie darüber nachgedacht.

Am meisten weh tut es, darüber nachzudenken, was schlimmer ist – dass Passanten sich wegen deines Geschlechts gewalttätig dir gegenüber verhalten oder der Fakt, dass die Polizei, die immer erreichbar für einen Hilferuf erreichbar sein sollte, versagt und Menschen entsprechend ihrer institutionellen Homo- und Transfeindlichkeit behandelt.

Als ein Typ auf einem Roller meine trans Freundin schlug, wusste ich, dass ich sie verteidigen muss, weil das niemand, nicht einmal die Polizei für sie macht. Die Unterstützung, die ich gezeigt habe waren die Schläge in Gesicht und Bauch wert: Ich stehe aufrecht für sie und ich stehe für meine queerness. Man sagt, Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt und 10 Minuten nach der ersten Attacke versammelten sich zehn Passanten um uns, weil sie gehört hatten, dass wir queer sind! Sie verstanden es als Nachricht: Dies sei die perfekte Möglichkeit um Schwule zu erniedrigen. Als wir sahen wie die Polizei auf uns zukam und Menschen um uns uns verbale und physische Gewalt zufügten, hofften wir für einen Moment, dass sie uns helfen würden. Obwohl wir ihre Homofeindlichkeit nicht in Frage stellen, dachten wir, es sei ihre Pflicht, sich professionell zu verhalten und uns zumindest vor physischer Gewalt schützen. Diese Hoffnung starb in dem Augenblick, als der eine Polizist meinen Arm packte und mir verbot, die Polizei ohne einen Grund zu rufen. Wenn organisierte homofeindliche Personen polizeiliche Unterstützung erfahren, werden sie noch gewalttätiger. Nach ein paar Schlägen liege ich auch schon auf dem Boden. Die Schläge gehen weiter, ich fühle Schmerz in meinen Rippen und meiner Brust und ich sehe, dass die Nase meines Freundes blutet. Sehen kann ich das, weil er inzwischen neben mir auf dem Boden liegt. Ich seh wie der Polizist ihn immer und immer wieder schlug weil er wie ich schreit und wütend nach Gerechtigkeit fragt. Nachdem die Polizei das gleiche mit mir machte, schubsten sie mich und meinen Freund in das Polizeiauto und ließen alle, die uns geschlagen und beleidigt hatten, davonlaufen.

Nun beginnt die Reihe von Erfahrungen mit institutionalisierter Homo- und Transfeindlichkeit, vom Präsidium zum Polizeibüro, vom Polizeibüro zum Arrestraum, vom Arrestraum zum ersten und zweiten Prozess und all diese Strukturen zeigten auf höchster Ebene Homo- und Transfeindlichkeit. In dieser Zeit machten wir viele erniedrigende Erfahrungen. Wir wurden angespuckt, mussten uns komplett ausziehen und erlebten anhaltende Gewalt und Aggression. Im Dauerarrest widerfuhr uns das Gleiche. Beim ersten Prozess hatten wir die kleine Hoffnung, dass der Richter sensibel mit dem Thema umgehen würde aber er nannte unsere Freundinnen, trans Frauen, die beim Prozess anwesend waren, Herr und benutzte deren Passnamen. Danach befand er uns schuldig und sprach die maximale mögliche Strafe aus.

Erinnert ihr euch an die IDAHOT 2013 in Tbilisi, als tausende Menschen und orthodoxe Priester aufmarschierten und einige wenige LGBTIQI* Aktivist*innen attackierten? Jetzt haben wir Erfahren, dass das zuständige Gericht alle angeklagten homofeindlichen Personen freisprach. Vor ihrem Freispruch war die angesetzte Strafe drei mal geringer als unsere heute und jetzt müssen sie gar nicht dafür bezahlen. Es gibt viele Videos von diesem Tag, die zeigen, wie gewalttätig die Menschen dort waren, aber nach 4 Jahren wurde immer noch niemand schuldig gesprochen. Ich spreche die Regierung schuldig. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist unsere letzte Hoffnung. Georgiens Verhalten verheißt wieder das gleiche Szenario für unseren Fall. Das heißt für uns, dass wir noch einige Jahre gegen institutionalisierte Homo- und Transfeindlichkeit kämpfen müssen und trotzdem versuchen müssen, motiviert zu bleiben, das durchzustehen.

In der nächsten Zeit müssen wir erstmal mit dem post-traumatischen Stress und dem physischen Schmerz leben und trotzdem gleichzeitig fokussiert und aktiv bleiben, um das was passiert ist, zu verarbeiten – nicht nur für uns, sondern auch für jede queere Person in unserer Gesellschaft. Nur noch ein paar Tage und wir müssen uns auf die HOROOM NIGHTS vorbereiten und eine sichere queere Party veranstalten, die erste seit den Sommerferien. Dieses Mal ist es schwieriger mit dem gleichen Enthusiasmus wie die letzten Male dabei zu sein.

P.S.: Unsere Freunde überall auf der Welt haben angefangen, Crowdfounding zu betreiben um unsere Kosten mit abzudecken und uns ihre Unterstützung zu zeigen. Doch wir wollen die Hilfe nicht nehmen ohne sie zu teilen. Wir werden die Rechnungen für unsere trans Freundinnen bezahlen, damit sie ihren Namen ändern können und nicht mehr mit Herr im Gericht angesprochen werden. Wir wissen, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass sie mit institutioneller Transfeindlichkeit zu tun haben werden und wir wollen ihnen deshalb ermöglichen, beim richtigen Namen genannt zu werden, wenn nicht schon bei richtigem Geschlecht.

spunk1@zianor.de'

Tornike Kusiani

Green, queer, feminist gender non-binary activist from Georgia. Currently working in the board of equality movement (https://www.facebook.com/equalitymovementgeorgia/), member of Young Greens, Former FYEG EC member and one of the founder of Queer nights series: HOROOM NIGTS (https://www.facebook.com/horoomnights/ ).
spunk1@zianor.de'

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