Europa, Kultur
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Solidarität für 9,90 €

Peace For Paris : Jean Jullien - von H. Michael Karshis - CC BY 2.0

Am 13. November 2015 um 21:17 Uhr erreichte der Terror der dschihadistischen Miliz ,,Islamischer Staat‘‘ (IS) endgültig Paris und damit ganz Europa. Die Anschlagsserie ereignete sich bei einem Fußballspiel im Stade de France, während eines Rockkonzerts im Theater Bataclan sowie vor mehreren Restaurants, Bars und Cafés. Nach Angaben der französischen Regierung wurden dabei 130 Menschen getötet, weitere 352 verletzt. Die Terrorist*innen wählten gezielt westliche Symbole der Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensfreude als Ziel ihrer Attacken aus und griffen wahllos all die an, die bis dahin diesen Abend in Paris frei, selbstbestimmt und lebensfroh genossen. Entsprechend groß war die Fassungslosigkeit und Trauer, mit der die ganze Welt reagierte. Von Solidaritätsbekundungen in sozialen Netzwerken, über Schweigeminuten bei öffentlichen Ereignissen bis hin zu Monumenten, die in den Farben des Tricolore angestrahlt wurden – für einige Zeit waren wir alle Pariser*innen.

Solidarität und Mitgefühl kann man auf unendlich viele Art und Weisen zeigen. Es schweißt Menschen zusammen, gibt Kraft und Hoffnung. Doch was ist, wenn aus Solidarität ein Modetrend wird? Wenn Beileidsbekundungen das Unternehmensimage aufpolieren sollen? Was ist, wenn man für nur 9,90 € allen zeigen kann, wie entsetzt man ist?

(CC BY-NC-ND 2.0) - http://gruenlink.de/12gi

(CC BY-NC-ND 2.0) – http://gruenlink.de/12gi

Jean Jullien, ein 25-jähriger französischer Grafiker, war so bewegt und geschockt von der Anschlagsserie in Paris, dass er noch in der selben Nacht eine spontane Tuschmalerei anfertigte, die innerhalb weniger Stunden millionenfach im Internet geteilt wurde. Das Motiv wurde zu einem der bekanntesten und prägnantesten Zeichen der weltweiten Solidaritäts-Bewegung. Das Original und unzählige abgewandelte Formen sind praktisch überall zu finden. Egal ob als Aufkleber, auf Plakaten, Tassen, T-Shirts, Profilbildern – Wer zeigen möchte, wie sehr er mit den Opfern der Anschläge mitfühlt, schmückt sich möglichst großzügig damit. Aber auch andere Designs oder Slogans sind beinah schon populär, so wie etwa in Anlehnung an den Anschlag auf das Verlagsgebäude des Charlie Hebdo im vergangenen Januar in Paris: Je suis Charlie – Je suis Paris. Produkte in diesem Stil verkaufen sich gut, Schlagwörter wie Paris, Frankreich oder Eifelturm gehören derzeit zu den beliebtesten in Online-Shops.

Je suis Paris
Lasst uns Solidarität zeigen und für die europäischen Werte einstehen!

 

So wird eine Kette mit graviertem Anhänger online beworben. Wer hätte gedacht, dass es so einfach und günstig sein kann, europäische Werte zu verteidigen? Nur ein paar Klicks, nur ein paar Euros überweisen und schon hat man bewiesen, wie wichtig einem Freiheit, Demokratie und Menschenwürde sind. Oder etwa nicht?
Selbstverständlich werden all diese Soli-Produkte nicht für umsonst unter das Volk gebracht. Unternehmen, oder eher ihre Marktforschungs-Abteilungen, wissen genau, was die Menschen bewegt, anregt, zum Kauf animiert. Emotionen waren schon immer ein Garant für gute Absatzzahlen. Aktuell stehen europäischer Zusammenhalt und Solidarität hoch im Kurs, jede*r ist ergriffen und möchte dies auch in der Öffentlichkeit zeigen. Jedoch bleiben Unternehmen nun mal Unternehmen. Ihr primäres Ziel ist es nicht, einen Beitrag zum Frieden und der internationalen Sicherheit zu leisten, sondern einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Das hat nichts mit Solidarität zu tun, sondern mit Ausbeutung und Wertschöpfung.

Besonders bekannt und weit verbreitet sind oder war auch die Funktion, mit der man bei Facebook sein Profilbild in den französischen Nationalfarben färben konnte. Auch wenn dieses Konzept bereits bei der Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen in den USA (Regenbogen-Farben) oder im Oktober im Rahmen der ,,Flüchtlingskrise‘‘ (hellblau mit Refugees-Welcome Unterschrift) angewandt und begeistert aufgenommen wurde, erreichte es doch mit den Anschlägen in Paris eine neue Dimension. Sogar die Existenzdauer des neuen Profilbildes konnte vorab eingestellt werden – Ein Tag, drei Tage, eine Woche? Wie lange möchtest du online dein Mitgefühl demonstrieren?

Facebook

Dieses Beispiel zeigt, wie schnell und zielgerichtet moderne Unternehmen auf erschütternde oder emotional aufwühlende Ereignisse reagieren. Der damit verbundene Image-Gewinn ist nicht zu unterschätzen, außerdem steigert es die Attraktivität der Plattform durch ,,Personalisierbarkeit“. Facebook versteht seine Nutzer*innen, es weiß sie emotional anzusprechen und ihr Mitteilungsbedürfnis zu stillen.
Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ändern ihre Profilbilder in einem sozialen Netzwerk und verstehen sich selber damit als Freiheitskämpfer und Werteverteidiger.

Na und, könnte man jetzt sagen. Sollen sich doch alle mit Eifelturm-Cappies und Tricolore schmücken. Tut doch niemandem weh. Doch eben das tut es leider doch.

In Anbetracht von all dessen muss man sich zwei Fragen stellen, die auch miteinander verknüpft sind. Zum einen: Was bedeutet Terror eigentlich?

Terrorismus ist ein komplexes Thema, bei dem viele zentrale Aspekte nur schwer zu greifen sind. Wo und weshalb erwächst er? Was soll er bewirken? Was bewirkt er in der Realität? Und vielleicht am wichtigsten, wie kann man ihn bekämpfen? All das sind Dinge, über die wir uns als Gesellschaft Gedanken machen müssen und auf deren Basis wir politische Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die uns und unsere Mitmenschen vor Gewalt und Angst schützen sollen. Wenn jedoch in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung Terrorismus auf einige wenige Aspekte reduziert wird, besteht die Gefahr, dass auch unsere diesbezüglichen Entscheidungen so reduziert ausfallen. Wir sprechen von Brutalität, Tod und Verzweiflung – aber nicht von Perspektivlosigkeit, Verwahrlosung oder Benachteiligung. Selbstverständlich hat Trauer ihren berechtigten Platz im Rahmen solcher Ereignisse, doch wir dürfen eins nicht vergessen: Mit Emotionen lässt sich verdienen. Ob finanziell oder in Form von Likes und Shares läuft auf das gleiche hinaus, nämlich auf eine Kommerzialisierung des Terrors. Es werden drastische Bilder gezeigt, simple Verknüpfungen hergestellt und natürlich Sündenböcke gesucht, auf deren Rücken man populistisch und farbenreich am Diskurs teilnimmt. Menschen sind unter brutalen Umständen gestorben? Seid traurig und postet einen unbeleuchteten Eifelturm. Frankreichs Werte und Gesellschaft wurde angegriffen? Tragt ein passendes T-Shirt und versichert den Französ*innen eure Solidarität. Das sind die Lösungsansätze der Masse, das ist die als angemessen betrachtete Reaktion auf die Ereignisse. Auch wenn der*die einzelne die internationale Friedens- und Sicherheitspolitik wohl kaum verändern kann, so müssen wir doch differenziert und umfassend mit Terrorismus umgehen. Eine komplexe Problematik erfordert komplexe Lösungsstrategien – auch auf persönlicher und emotionaler Ebene.

Die zweite Frage schließt nahtlos an die erste an und lautet: Was bedeutet es eigentlich, solidarisch zu sein?

Die Worte gehen leicht über die Lippen, doch ihre wirkliche Bedeutung bleibt oftmals unklar. Wahre Solidarität mit Frankreich besteht nicht nur aus Beileidsbekundungen, sie ist ein Bekenntnis zu den Werten, die am 13. November in Paris angegriffen wurden. Ein Bekenntnis zur Lebensfreude, zur Selbstbestimmung und zum friedlichen Miteinander.
Doch nicht nur das: Solidarität mit den Opfern eines Terroranschlags bedeutet auch, Engagement im Kampf gegen den Terrorismus zu zeigen. Jede*r von uns kann sich für die Bekämpfung globaler Ungerechtigkeiten einsetzen und für Menschenrechte einstehen. Jede*r von uns hat eine Stimme, die sie*er überall und zu jeder Zeit für das Leben und den Frieden erheben kann.
Solidarität kann und darf vieles sein, aber sicherlich keine leere Worthülse. All diejenigen, die sich sie auf die Fahne schreiben, sollten vielleicht einmal in sich gehen und überlegen, welche Bedeutung dieses Wort für sie persönlich hat und ob ihre Gedanken und Taten den damit verbundenen Dingen gerecht werden.

Was also bleibt nun, über einen Monat nach den Anschlägen, nach all den Toten und Verletzten? Was bleibt über von der Welle von Trauer und Mitgefühl, die um die ganze Welt ging? Was bleibt von den Gebeten, den Rufen nach Frieden, der Solidarität?

Zurück bleiben Millionen von Menschen und ihre Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Millionen von Menschen, die alle mehr oder weniger drastisch dazu gezwungen sind, ihr Leben auch nach den Anschlägen weiterzuleben und zu erkennen, dass der Terror keine Landesgrenzen kennt.
Dass jede*r seinen ganz eigenen Weg finden muss, mit all dem umzugehen, ist selbstverständlich. Jedoch ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass menschliche Emotionen schnell zu einer Ware des Kommerz und zu einem Instrument des Populismus werden können, wenn wir sie leichtfertig von Unternehmen lenken lassen.
Keine Tasse, kein Share-Pic und keine Kette kann je das ersetzen, was wir der globalen Gesellschaft durch unsere Lebensfreude und unseren Aktivismus geben können. Es ist unbezahlbar.

 

In weltweiter Solidarität mit all denen, die Opfer von Terrorismus geworden sind.

Lisa-Marie ist 18 Jahre alt, wohnt in Braunschweig und studiert dort. Sie koordiniert das Fachforum Arbeit, Soziales, Gesundheit und Pflege und ist im Bildungsbeiratspräsidium der Grünen Jugend. Ihr Hobby ist Reden und das tut sie am liebsten über Menschenrechte, Glück und ihre Möbel.

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