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Und täglich grüßt das Murmeltier

Es ist Donnerstag, 7 Uhr. Es ist der Tag, an dem schon ein paar Stunden später der TagX ausgerufen werden soll. Und es ist einer von vielen Tagen, an denen zur immer gleichen Uhrzeit gilt: täglich grüßt das Murmeltier. Oder in dem Fall: die Polizei.

Es ist schier wahnsinnig, was sich im Hambacher Forst abspielt. Was täglich grüßt wenn die Hundertschaften anrücken, ist willkürliche Polizeigewalt und Zerstörungswut.

Dieser Erfahrungsbericht soll einen Einblick bieten, in eine der ereignisreichsten Wochen der letzten Zeit – und einen Einstieg bieten, in eine Artikelreihe zum Hambacher Forst, zu Widerstand gegen fossile Energien und die Zerstörung unserer Lebensgrundlage – der Umwelt.

Während Presseberichte von geworfenen Fäkalien, von Gewalt gegen die Polizei, von ‘autonomen Waldbesetzer*innen’ oder von den ‘Waffen der Aktivist*innen’ Bildzeitung und Welt am Sonntag durchlaufen,  spielt sich im Wald Normalität gewordener Alltag ab, der der Öffentlichkeit vorenthalten wird. Der Konflikt um das letzte Stück des historischen und wichtigen Waldes ist in aller Munde, die Aufmerksamkeit für den Widerstand vor Ort erhöht sich stetig.
Was als Kontroverse in der Öffentlichkeit bleibt, sind die Menschen die den Wald bewohnen, die in ihm ein Zuhause haben. Eine Emotionale Bindung an einen Baum als Lebensort. Die Infrastruktur im Wald ist beeindruckend. Und doch dauert es keine 7 Stunden, alles zu zerstören, was nicht im Baum sondern am Boden zu finden ist. Transpis die „Ich sterbe mit meinem Baum“ titeln. Menschen, die schon Jahre dort wohnen, einige sechs, andere zwei, andere eins, Menschen die jede Rodungssaison zurück kehren, Menschen die nur einige Woche vor Ort sind, um Besetzungen rund um den TagX zu stärken, zu vermehren. Menschen aus ganz Europa und sogar aus der ganzen Welt versuchen das letzte Stück Wald vor der Rodung für den Abbau des schmutzigen Stromträgers Braunkohle zu schützen.

Die Zeit im Wald beginnt, seid der Ausrufung der Gefahrenzone vor Ort, mit einer dreimaligen Personenkontrolle: das Abfragen von Personalien im Polizeiregister, das durchsuchen jeglichen Gepäcks wie des Körpers. Klettermaterial, Toilettenpapier, Lebensmittel – was zum Überleben auf dem Baum wichtig ist schafft es nicht mit hinein.
Die Polizeischikane endet hier keines Wegs. Die Aktion Unterholz ruft den TagX aus, an einem Tag,  der beim Zusehen aus der Höhe schlicht fassungslos macht. 7 Stunden braucht es, bis 5 Dörfer im Wald ihre Bodenstruktur verlieren. Komposttoiletten und Duschen, Feuerstellen, Infobretter – was nicht auf einem Baum ist bleibt nicht stehen. Auch erste Plattformen werden zerstört, kurzer Prozess sofern keine Menschen darauf sitzen. Und auch das Kriterium ‘nur abreißen was nicht bewohnt ist’ gilt bald nicht mehr – erste Baumhäuser werden geräumt, Menschen festgenommen. Dass auf einer Plattform Wasser- und Lebensmittelvorrat eines ganzen Dorfes steht? Scheint die Lust auf Zerstörung eher zu heben, keine Chance die Vorräte von der Plattform zu holen, bevor die tragenden Masten der riesigen Maschine weichen müssen.  Bei der Räumung weichen Barikaden – belebte wie unbelebte. Ein Turm wird geräumt – dem besetzenden Aktivisten dabei der Arm gebrochen.
Doch das ist noch immer nicht das Ende der Schickane – nächtliche Langeweile treibt einige Beamt*innen an, Kettensägengeräusche begleitet vom Walkürenritt mitten in der Nacht vom Handy aus abzuspielen.
Andere Beamt*innen beschäftigt vielmehr ihre persönliche Geschichte. Sie verewigen sich in der Rinde eines Baumes mit den Worten „Hambi 18 – ich war dabei“ – während der eine der anderen erzählt, davon werde er in 20 Jahren seinen Kindern erzählen. Eine großartige Geschichte muss das sein – von der Unterstützung der Zerstörung einer der wichtigsten Lebensgrundlagen dieses Kindes.

Und währenddessen in den Nachrichten? Polizei und Wachschutz der RWE seien von Aktivist*innen mit Fekalien beworfen worden. Liebe RWE, liebe Polizei – habt ihr schonmal überlegt wohin ihr machen würdet, wenn euch eine Bodenbesetzung den Weg in den Wald und eine Räumung die Toilette genommen hätte?

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