Queerfeminismus
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Unsichtbare Spielerinnen

Seit dem 12. Juni findet in Brasilien die „FIFA Fußball-Weltmeisterschaft“, so der offizielle Titel des Turniers, statt. Über die Probleme des ersten Namensbestandteils, die FIFA, wurde vor und während des Turniers bereits hinlänglich berichtet. Weniger bis gar nicht thematisiert wird hingegen der zweite Baustein des Namens. Korrekt ausgedrückt müsste das Turnier „FIFA Fußball-Weltmeisterschaft der Männer“ heißen. Auch spielt in Brasilien nicht etwa „unsere“ Nationalmannschaft, sondern „unsere“ Männer-Nationalmannschaft. Wer kennt schon Annike Krahn, Lena Goeßling oder Dzsenifer Marozsán?

„Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut.“

Die Geschichte des modernen Sports scheint eine Geschichte von Männern zu sein. Viele Sportarten, darunter auch der Fußball, wurden von und für Männer erfunden. Die Gründungsväter legten dabei explizit Männlichkeitsvorstellungen zur Grunde, welche bis heute die herrschenden Normen im Sport prägen. 1955 drückte es der DFB mit den Worten aus „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut.“ und verfügte ein Verbot des Frauenfußballs, das bis 1970 aufrecht gehalten wurde. Fußball ist hart, schnell und unnachgiebig!

An diesen Attributen werden Mann und Frau gemessen. Wer sich nicht daran hält, nach Fouls aufschreit oder (scheinbar) unangebracht sacht agiert, spielt eben „wie ein Mädchen“. Wo in vielen anderen Lebensbereichen wie Familie und Beruf die geschlechtliche Zweiteilung zu verschwimmen scheint, wird sie im Bereich Sport inszeniert und gefeiert. In der sportlichen Lebenswirklichkeit gelten vom Training und Spiel, bis zur medialen Verwertungslogik klassisch heteronormative Attribute. Selbst die Sportwissenschaft rekurriert häufig immer noch auf Sport als männliche Sphäre, sei es in der Betrachtung von sportartenspezifischen Verletzungen oder auch in der Trainingswissenschaft. Hier wie dort werden häufig immer noch Männer und ihre körperlichen Voraussetzungen zu Grunde gelegt. Die logische Konsequenz einer solch heteronormativen Weltsicht: Da Fußball nicht weiblich ist, können Frauen auch kein Fußball spielen. Tun sie es doch, können sie keine „richtigen“ Frauen sein. Ergo alle Fußballspielerinnen sind lesbisch!

Wie aber gehen Spielerinnen mit diesen maskulinen Norm- und Wertevorstellungen im Sport um? Fußballspielerinnen sind letztlich auch heute noch Grenzgängerinnen im Bereich der sexuellen Identität. Spielt Homophobie innerhalb des Systems Frauenfußballs auch keine (große) Rolle, so greift diese spätestens bei der ökonomischen Vermarktung der Spielerinnen. Hierbei stehen ein hoher Bekanntheitsgrad in der angestrebten Zielgruppe, eine breite Medienpräsenz auch außerhalb der Sportberichterstattung und Sexappeal im Mittelpunkt. Fußballerinnen müssen sich entscheiden auf welche Karte sie setzen. Wer sich offen outet, hat zwar nicht wie im Männerfußball mit offenen Anfeindungen und Entrüstungsstürmen zu rechnen, doch steht er dem medialen Motto „sex sells“ nur noch eingeschränkt zur Verfügung.

Es ist nicht verwunderlich, dass von der Werbeindustrie besonders jene Spielerinnen ausgiebig bedacht werden, die dem weiblichen Idealbild der sexy, heterosexuellen Spielerinnen zu entsprechen scheinen.

Was sich als Strategie gegen das Vorurteil der lesbischen Fußballspielerin tarnt, folgt letztlich einer zutiefst sexistischen Logik. Nur wer bereit ist seine Weiblichkeit aktiv nach außen zu tragen und zur Not auch mit sexistischen Weiblichkeitsvorstellungen zu überhöhen, ist im Sinne einer ökonomischen Vermarktungslogik interessant. Es ist dementsprechend nicht verwunderlich, dass von der Werbeindustrie besonders jene Spielerinnen ausgiebig bedacht werden, die dem weiblichen Idealbild der sexy, heterosexuellen Spielerinnen zu entsprechen scheinen. Dabei werden ihre spielerischen Qualitäten häufig zur bemerkenswerten Nebensache deklariert. Im Mittelpunkt stehen statt den sportlichen Leistungen, Aussehen und Auftreten der Spielerinnen. Den diesbezüglichen Höhepunkt erreichte der deutsche Frauenfußball während der Fußball-Weltmeisterschaft 2011 im eigenen Land. Fünf Spielerinnen der deutschen U19-/U20-Nationalmannschaft posierten für den Playboy und wurden als „Germanys next top Soccerinnen“ ausgiebig für ihre Körper bejubelt. Ihre sportlichen Erfolge und Leistungen blieben hingegen weiter im Verborgenen.

Auch bleiben weiterhin jene Spielerinnen unsichtbar, die sich nicht nach klassisch weiblicher Schönheit vermarktet sehen wollen. Dies gilt sowohl für homo- als auch heterosexuelle Fußballerin. Sie sind die faktischen Verlierer einer Professionalisierung und damit einhergehenden Kommerzialisierung des Frauenfußballs in Deutschland. Gewinnen können die Fußballerinnen nur, wenn ihnen ihre individuelle Gradwanderung und Emanzipierung als Grenzgängerinnen gelingt.

Die studierte Historikerin Josefine Paul ist Landtagsabgeordnete der Grünen in NRW und dort frauen-; queer- und sportpolitische Sprecherin. Sie ist Ex-Fußballerin und Sportfan (#VflBochum #TurbinePotsdam) und engagiert sich gegen Rechts und für Vielfalt und Toleranz.

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