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Vergessene Opfer

Deutschlands Gedenkkultur war nach dem Krieg nicht frei von Widersprüchen. Gerechtigkeit gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus, Rehabilitierung und Entschädigung musste für die sogenannten vergessenen Opfer in einem zähen Kampf erstritten werden. Entschädigungsregelungen konnte Adenauer nur mit Unterstützung der SPD gegen Teile seiner Koalition durchsetzen. Ganze Opfergruppen blieben ausgeschlossen. Erst die Diskussion um „vergessene Opfer“-gruppen in den 80-er-Jahren, verbunden mit Namen wie Christian Ströbele, Antje Vollmer und Renate Schmidt, begann dies zu korrigieren. Aber erst unter Rot-Grün wurden die Zwangsarbeiter aus dem Osten Europas durch die Errichtung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ in die Entschädigungsregelungen der Bundesrepublik einbezogen. Die Vernichtungspolitik der Nazis gegen die „slawischen Völker“ im Osten Europas führt in der bundesdeutschen Erinnerungskultur bis heute ein Schattendasein.

Am 27. Januar wurde das Konzentrationslager von der Roten Armee befreit. Wir gedenken an diesem Tag den Opfern der Shoa und verneigen uns in Dankbarkeit vor den Befreiern der Vernichtungs- und Konzentrationslager.

Bis heute wurden die rassistischen Verbrechen an den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen nicht als Teil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik anerkannt.

Deutschland hat es bis heute abgelehnt, die Opfer mit einer humanitären Geste um Versöhnung zu bitten.

Wenn wir dieser Tage dem 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gedenken, müssen wir auch den Befreiern gedenken und danken: den tapferen Soldaten der Roten Armee, die gegen die deutschen Truppen einen verlustreichen Kampf führten. Gleichermaßen wäre es an der Zeit, dass die Bundesrepublik Deutschland die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen als Verfolgte des NS-Regimes anerkennt und ihnen auch, zumindest symbolisch, eine Entschädigung zuspricht. Diese wird leider nur noch wenige erreichen. Letzte Schätzungen gingen davon aus, dass von ihnen noch etwa 4 000 Menschen am Leben sind. Das schreckliche Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen ist immer noch ein weitgehend blinder Fleck in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschland.

Im Juni 1941 begann, mit dem Angriff Deutschlands, auf die Sowjetunion ein rassistisch motivierter Vernichtungs- und Eroberungskrieg unter Missachtung aller völkerrechtlichen Normen. Die deutschen Truppen hinterließen auf ihrem Feldzug nichts als Mord und Elend. Besonders erbarmungslos gingen sie dabei mit den sowjetischen Kriegsgefangenen um. Bis 1945 starben in deutschem Gewahrsam von insgesamt etwa 4,5 bis 6 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen mehr als 60 Prozent. Zwei Millionen von ihnen starben bereits in den ersten Kriegsmonaten an Hunger, Seuchen und Erfrierungen.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen waren rechtlos und der rassistischen Ideologie des NS-Regimes ausgesetzt. Tod und Vernichtung in den „Russenlagern – mit Konzentrationslagern durchaus vergleichbar – waren vom NS-Regime gewollt.

Im Nationalsozialismus galten die Gefangenen, genauso wie die zivilen sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, als „Untermenschen“. Während bei den Kriegsgefangenen der westalliierten Streitkräfte die Mindeststandards der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen beachtet wurden, wurde dieser Schutz durch Sonderbefehle für die sowjetischen Kriegsgefangenen außer Kraft gesetzt..

Bis heute leiden die überlebenden ehemaligen Kriegsgefangenen unter den gesundheitlichen, sozialen und moralischen Auswirkungen dieser Verfolgung. Denn das Leid dieser Menschen endete nicht 1945: Nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion wurden sie unter Stalin der Kollaboration verdächtigt wurden. 13 Prozent von ihnen kamen in Lagerhaft, viele kamen in „Arbeitsbataillone“. Mehrheitlich wurden sie gesellschaftlich diskriminiert und erst 1995, nach Zusammenbruch der Sowjetunion, vollständig rehabilitiert.

Die Zeit läuft ab und es wäre beschämend und traurig, würde sich der Deutsche Bundestag weiter verweigern, das schwere Unrecht, das an den sowjetischen Kriegsgefangenen begangen wurde, ausdrücklich als nationalsozialistisches Unrecht anzuerkennen.

Eine solche Geste wäre auch ein starkes Signal der historischen Verantwortung und der Völkerfreundschaft gegenüber den Völkern von Russland, Weißrussland und der Ukraine. Dadurch würde unterstrichen, dass die Kritik an Putins völkerrechtswidriger Politik gegenüber der Ukraine nichts an unserer Dankbarkeit gegenüber allen Völkern der ehemaligen Sowjetunion für die Befreiung von nationalsozialistischen Terror ändert.

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