Berichte, Polizeigewalt
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Vermummte Gewalttäter*innen auf Hamburgs Straßen

Erfahrungsbericht von den Protesten gegen den G20-Gipfel im Hamburg von einem Mitglied der GRÜNEN JUGEND Hannover. Im Bericht wird unter anderem Polizeigewalt thematisiert. Die berichtende Person ist der SPUNK-Redaktion bekannt, wir veröffentlichen den Bericht hier anonym.

Im Zuge der Proteste gegen den G20-Gipel in Hamburg gibt es viel mehr zu berichten, als in diesem Text möglich ist. Dazu gehören die versammlungsfeindliche Polizeistrategie, das völlig überzogene und eskalierende Vorgehen der Einsatzkräfte schon lange vor Gipfelbeginn, die weiträumige Aufhebung der Versammlungsfreiheit, die massive Einschränkung allen Protests und die Wut und der Frust anlässlich der massiven Gewalt von Seiten der Polizei wie auch Teilen der Protestierenden. Dazu gehören aber auch die tolle Stimmung im Protestcamp in Altona, als es endlich entstehen durfte, viele Demonstration und erfolgreiche Aktionen, der solidarische Bezug vieler Aktionsformen aufeinander, die breite Unterstützung vieler Hamburger*innen für die Proteste und die gelebte internationale Solidarität, die eine ganz besondere Hoffnung und Inspiration versprühen. Allein die Teilnehmer*innenzahlen an den Protesten, den Einschüchterungs- und Kriminalisierungsversuchen zum Trotz, senden ein deutliches Signal. Am nachhaltigsten beeindruckt und im Gedächtnis bleiben werden mir aber wahrscheinlich meine Erlebnisse am Donnerstagabend, von denen ich hier berichtet werde.

Mit meiner Bezugsgruppe hatte ich Donnerstagnachmittag zunächst noch das Protestcamp im Volkspark Altona besucht, wo eine fröhliche Stimmung herrschte und man sich im Sonnenschein einen ersten Eindruck über die Vielfalt der Aktivist*innen und deren hoffnungsvolle Stimmung verschaffen konnte. Gegen sechs Uhr machten wir uns auf den Weg Richtung Landungsbrücken, noch nicht ganz sicher, ob wir uns der „Welcome to Hell“ Demonstration anschließen wollen oder nicht. Auf dem Weg in Richtung Fischmarkt zeigte sich uns ein widersprüchliches Bild. Auf der Straße rückten zwei Wasserwerfer samt Räumpanzer und einer Einsatzhundertschaft langsam gegen die Demospitze vor. Um die Straße herum war alles voller unfassbar vieler Schaulustiger, zum großen Teil biertrinkend, in Feierlaune und anscheinend in Erwartung eines spannenden Spektakels. Für uns fiel in diesem Moment die Entscheidung, uns an der Demonstration zu beteiligen, die zu diesem Zeitpunkt völlig passiv und gewaltfrei darauf warte, endlich losgehen zu können – hätte hier eine aggressive Stimmung geherrscht, hätten wir uns sicher anders entschieden. Also schlängelten wir uns auf der Promenade einige hunderte Meter nach hinten, um im Fall einer Konfrontation nicht ganz vorn zu stehen, verließen dort die Promenade und stellten uns neben den organisierten Demoblock auf die linke Straßenseite.

„Wir fordern die Polizei auf, die Demonstration endlich weiterlaufen zu lassen!“

Während die Demo ruhig war und nur sehr vereinzelt Vermummte innerhalb des Blocks zu sehen waren, drängte sich dann nach und nach Polizei an der linken Straßenseite nach hinten durch. Obwohl zu spüren war, wie die Nervosität durch deren Anwesenheit stieg, blieb die Lage ruhig, zumindest abgesehen von den Rempeleien der Berliner Beamt*innen, die offensichtlich nicht in der Lage waren freundlich darum zu bitten, durchgelassen zu werden. Am linken Rand der Demo standen parlamentarische Beobachter*innen und Journalist*innen, aber auch viele bunt gekleidete, ältere und sehr junge Demoteilnehmer*innen. Ich merkte, dass ich immer angespannter wurde, nicht zuletzt, weil immer wieder höherrangige Polizist*innen, vermutlich Hundertschaftsführer*innen, sich zu Besprechungen am Rande der Polizeikette trafen. Ich versuchte mich damit zu beruhigen, dass die Polizei augenscheinlich es aufgrund von Personalmangel einfach noch nicht geschafft hatte, im Vorfeld ein Spalier zu bilden, welches die Demo begleiten sollte, und das jetzt noch vor Demobeginn nachholen wollte. Die Lage im organisierten Demoblock auf der rechten Straßenseite war ausgesprochen ruhig, der Wunsch der Polizei nach dem Ablegen der Vermummung wurde durch den Lautsprecherwagen weitergegeben, ebenso wie der Aufruf an die Teilnehmer*innen, sich nicht provozieren zu lassen und ruhig zu bleiben, was meinem Eindruck nach auch sehr gut funktionierte, und die Aufforderung an die Polizei, die Demo endlich beginnen zu lassen.

Doch es kam anders. Auf ein geheimes Zeichen bildete die Polizeikette Keile, mit der sie die Demo auseinandersprengte. Die Berliner Beamt*innen beschränkten sich nicht darauf, in die Demo zu rennen und uns auf die Hälfte der vorher fast komplett ausgefüllten Straße zusammenzupressen, sondern prügelten direkt von Anfang an auf die Teilnehmer*innen ein. Da ich relativ am Rand stand, landete ich während der Aktion in etwa in der zweiten oder dritten Reihe, wo mir ein Polizist drei-, viermal seitlich ins Gesicht und gegen die Nase schlug, um mir die Brille von der Nase zu hauen. Ab diesem Moment wurden dann auch teilweise Böller und Flaschen geworfen – hauptsächlich aber anscheinend von den Schaulustigen oben auf der Promenade. Beim Blick nach hinten in Richtung der Mauer zur Elbpromenade musste ich sehen, wie dort Menschen so eingequetscht waren, dass sie keine Luft mehr bekamen. Ich blickte in Gesichter voller Panik und Todesangst, während die Leute massenweise die Mauer zur schon völlig überfüllten Promenade hochkletterten. Ich bekam es mit einer unfassbaren Angst zu tun, dass hier jemand totgetrampelt würde. Zu diesem Zeitpunkt war bereits mein Rucksackträger zerissen und ich hatte meine Bezugsgruppe verloren. Nach einem Moment ließ die Polizei kurz von uns ab und sammelte sich wieder neu, wir trauten uns jedoch nicht, auch nur einen Schritt nach vorn zu gehen. Hinter uns kletterten weiter in Panik Menschen die Mauer hoch, während mir durch den Kopf schoss, was wohl mit dem Rollstuhlfahrer geschehen war, den ich noch kurz vor dem Zugriff der Polizei ein kurzes Stück hinter mir gesehen hatte. Nicht bloß bei uns weckten diese Szenen Erinnerung an die Bilder der letzten Loveparade in Duisburg, wo bei einer Massenpanik 21 Menschen ums Leben kamen. Diese Ähnlichkeit hatte auch einige Sanitäter*innen vor Beginn des Angriffs dazu bewogen, die Polizei zu bitten an dieser Stelle keine Maßnahmen anzuwenden, sondern die Demo zunächst wenige hundert Meter weiterlaufen zu lassen.

„Wo sollen wir denn hin?“

Nun versuchte die Gruppe, in der ich stand, sich etwas zu formieren, um den Leuten hinter uns die Flucht zu ermöglichen. Wir hakten uns ein, mussten aber kurz eine Frau weiter nach hinten lassen, die schwer im Gesicht blutete. In diesem Moment war für mich klar, dass auch ich noch eine Weile aushalten würde, um den stärker verletzten und panischen Menschen hinter mir zuerst ein Entkommen zu ermöglichen. Nun setzte die Polizei zum zweiten Schlag an. Neben mir bekam ein junger Mann drei heftige Schläge gegen den Kopf, einfach weil er die Menge um einen Kopf überragte. Kurz darauf schoss mir ein Strahl Wasser-Pfefferspray-Gemisch ins Gesicht. Nun wurden wir auf der Straße von zwei entgegengesetzten Seiten gleichzeitig von der Polizei malträtiert, es war überhaupt nicht zu erkennen, was von uns verlangt wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war ich völlig panisch und schrie nur noch die ganze Zeit „Wo sollen wir denn hin?“. Während sich die meisten Beamt*innen davon nicht in ihrer Prügelei beeindrucken ließen, nuschelte ein Beamter „Nach da hinten so.“ Dass von dahinten, Richtung Fischmarkt, seine Kolleg*innen gleichzeitig auf uns einprügelten und alle in seine Richtung schubsten, ließ das wie eine völlige Farce erscheinen. Ich hatte das Gefühl, die Beamt*innen hatten jegliche menschliche Regung abgelegt, prügelten wie wahnsinnig auf ängstliche, panische Menschen ohne jede Fluchtmöglichkeit ein, reagierten nicht auf die Warnung, jemand könnte totgetrampelt werden. Während links von mir Leute, die die Mauer hochkletterten mit Pfefferspray eingesprüht wurden, sah ich rechts, wie die Polizei Flüchtende wieder nach unten zog, um sie zu verprügeln. Später sollte der Einsatzleiter der Polizei sagen: „Es war nicht geplant, dass Menschen über die Mauer entkommen.“ War stattdessen geplant, alle zu verprügelten und dann die Verletzen auf einen großen Haufen zu werfen?

Kurz darauf wurde ich von einem Polizisten fest mit der flachen Hand aufs Ohr geschlagen und unter der Polizeikette durchgezogen. Noch halb benommen taumelte ich dort wieder auf die Beine und sah im menschenleeren Raum zwischen den Polizeiketten einen weiteren Polizisten auf mich zukommen. Während ich mich ängstlich duckte, holte der Beamte aus, verpasste mir ein schweren Schlag gegen die Schläfe und schubste mich in die Menschengruppe um den Lautsprecherwagen. Wieder sammelte sich die Polizeikette kurz für den nächsten Angriff. Vom Lautsprecherwagen wurde durchgesagt, dass die Polizei gerade Sanitäter*innen angreifen würde. Zu diesem Zeitpunkt war mein Durchhaltevermögen völlig erschöpft, ich war verängstigt und orientierungslos und wollte nur noch weg. Als sich die Möglichkeit ergab, rannte ich zur Mauer der Elbpromenade, wo ich von hilfsbereiten Menschen hochgezogen wurde.

Nur weg hier

Oben auf der Promenade war eine unübersichtliche Lage. Es war sehr voll, überall rannten panische Menschen in alle Richtungen. Ich versuchte irgendwie, meine Bezugsgruppe wiederzufinden, jedoch ohne Erfolg. An einer Stelle wurde ein Rauchtopf entzündet. Von Richtung der Landungsbrücken kam plötzlich ein Trupp Polizei, woraufhin viele begannen, die Treppe auf die Elbterrasse hinunterzurennen. Dort gab es wiederum Tumulte. Während die Polizei mal von links, mal von rechts in die Menge rannte und Menschen mit Pfefferspray einsprühte und verprügelte, wurde von einzelnen Pyrotechnik und Flaschen in Richtung Polizei geworfen, während der Großteil der Menge versuchte, jeder Konfrontation mit der Polizei zu entkommen. In meiner panischen Angst war ich froh über jede*n Einzelne*n, die*der etwas unternahm, um die völlig enthemmten Beamt*innen von mir fern zu halten. Wir rannten auf den Fischmarkt, wo die Polizei gerade dabei war, den hinteren Teil der Demonstration mit Pfefferspray, Wasserwerfereinsatz und körperlicher Gewalt durch die eingesetzten Polizeikräfte auseinanderzutreiben. Ich stand am Elbufer und hoffte einfach nur, dass die Polizei nicht dorthin kommen würde. Um mich herum waren völlig aufgelöste Menschen, die noch überhaupt nicht begreifen konnten, was passiert war, während einige Verletzte versorgt wurden. Ich versuchte mit dem Telefon die Menschen aus meiner Bezugsgruppe zu erreichen, aber außer der Information, dass es allen halbwegs gut ging, konnte man dem panischen „Wo bist du? – Wo bist du denn?“, überlagert von Geschrei und Sirenen, nicht viel entnehmen.

Nach einer ganzen Weile konnten wir uns dann endlich am Fischmarkt wieder treffen. Und während die Polizei sich langsam zurück zog, tauschten wir uns über das Erlebte aus – manche hatten sich an die parlamentarischen Beobachter*innen der Linken (der einzigen Partei, die wir in dieser Rolle sehen sollten) geklammert, die selbst völlig verängstigt und entgeistert auf die hemmungslose Gewalt blickten, andere mussten mitansehen, wie die Polizei Fliehende in Seitenstraßen und Hauseingänge verfolgte und sie dort zusammenschlug. Als wir etwas zur Ruhe kommen konnten, realisierten wir zum ersten Mal, dass wir gerade einen Angriff der Polizei auf eine friedliche Demonstration erlebt hatten, bei dem die Behörden die Möglichkeit, dass es Tote geben könnte, trotz expliziter Warnungen in Kauf genommen hatten.


Der Autor hat, um seine geschilderte subjektive, persönliche Erfahrung etwas objektiver einzubetten, ergänzend noch folgende Liste mitgegeben:

Seit dem 1. Februar 2014 ist der SPUNK das Online-Magazin des Bundesverbandes der GRÜNEN JUGEND.

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