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Verordnete Hoffnunglosigkeit – Ein Bericht aus der Westsahara

von Micha Bloss und Jessi Messinger

Micha Bloss (28, Brüssel) und Jessi Messinger (26, Stuttgart) verbrachten gemeinsam mit anderen jungen Menschen und der spanischen Westsahara-Solidaritätsorganisation „CEAS Sahara“ eine Woche in den Flüchtlingscamps der Sahrauis im Süd-Westen Algeriens. Das ist ihr Reisebericht:

„Vergessener Konflikt“

Unter dem von der Weltgemeinschaft „vergessenen Konflikt“ in der Westsahara, leiden die Menschen dort seit den 70er Jahren. Gerade die Jugendlichen wollen das nicht mehr hinnehmen und sind bereit, wieder zu den Waffen zu greifen: ein Meisterstück des Versagens einer präventiven Friedenspolitik.

Im Westen der Sahara besteht die letzte territoriale Kolonie der Welt. Die Westsahara, so groß wie Italien, wird von Marokko als Staatsgebiet beansprucht. Allerdings ist die marokkanische Armee erst 1975 einmarschiert und hat das Gebiet besetzt, gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung, der Sahrauis.

Wie kam es dazu?

Die Westsahara war eine spanische Kolonie. Mit dem Tod des spanischen Diktators Franco sollte diese Kolonie in die Unabhängigkeit entlassen werden. Schon zuvor hatte eine Befreiungsbewegung, die Frente Polisario, im Lande dafür gekämpft. Doch als die spanischen Kolonisatoren das Land verließen, kam es nicht zur Unabhängigkeit, denn Marokko und Mauretanien besetzten das Land erneut – mit der Begründung, das Gebiet der Westsahara sei bereits vorkolonial Teil der marokkanischen und mauretanischen Königreiche gewesen. Auch die folgende Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, auf Basis einer Umfrage unter der sahrauischen Bevölkerung ein Referendum über die Selbstbestimmung der Bevölkerung stattfinden zu lassen, ignorierte der marokkanische König Hassan II.

Im so genannten „Grünen Marsch“ ließ er 1975 das marokkanische Militär und zugleich auch marokkanische Zivilbevölkerung in den nördlichen Teil der Westsahara einziehen. Zeitgleich rückte die mauretanische Armee vom Süden in die Westsahara ein. Ein Großteil der sahraurischen Bevölkerung flüchtete nach Algerien und wurde dabei von der marokkanischen Luftwaffe mit Fass- und Phosphorbomben angegriffen. Bis zu 25.000 Menschen starben während des Krieges.

1976 erklärte sich die Bevölkerung autonom und die Frente Polisario rief die DARS aus (Demokratische Arabische Republik Sahara aus), die mittlerweile von über 80 Staaten – darunter kein EU-Staat – anerkannt wurde und außerdem Mitglied der Afrikanischen Union ist. Um den Widerstand der Polisario einzudämmen errichtete Marokko in den 1980er Jahren einen über 2500 km langen verminten militärischen Wall – den wall of shame – , der das Land fortan von Nord nach Süd in die westlich von Marokko besetzten Gebiete und östlich das von der Polisario kontrollierte freie Teritorium, das vor allem militärisches Gebiet ist, teilt.

Die Flüchtlingscamps in der Sahara im Südwesten Algeriens bestehen bis heute fort. Sie sind vollkommen von internationaler und europäischer – vor allem spanischer – Unterstützung abhängig und stehen unter der Verwaltung der Frente Polisario. Seit sich Marokko und die Frente Polisario unter Einfluss des UN Sicherheitsrates 1991 auf einen Waffenstillstand einigten, dessen Bedingung die Durchführung des Referendums war, wurde eine UN Mission (Minurso) zur Überwachung des Waffenstillstands und zur Vorbereitung des geplanten Referendums eingesetzt.

Soweit zur Historie – seit fast 25 Jahren bewegt sich nichts substantielles und die in den Flüchtlingscamps sowie in den besetzten Gebieten lebenden Menschen blicken hoffnungslos in die Zukunft.

„Wenn es die einzige Möglichkeit ist, Augenmerk der Weltöffentlichkeit auf uns zu lenken, müssen wir eben kämpfen“

Vor allem die jungen Menschen in den Flüchtlingscamps sagen uns, dass sie ihre isolierte Situation nicht mehr ertragen wollen. Viele besuchen weiterführende Schulen in Algerien oder studieren anschließend in europäischen Ländern, Südafrika oder Kuba; doch je mehr sich dazu entscheiden ihre Zukunft nicht in den Camps in der Wüste zu verbringen, desto schwächer wird die Unabhängigkeitsbewegung. Es wollen dennoch viele bleiben und für die Unabhängigkeit streiten. Die Bewohner_innen sind jung – viele haben die Gewalt, die Streubombern, in den 70er und 80er Jahren nicht selbst erlebt und mit der Ausweglosigkeit des Konflikts wächst die Bereitschaft zum Kampf an.

Doch selbst diese vermeintliche Lösung hat keine realistische Perspektive. Zu groß ist die militärisch Überlegenheit der marokkanischen Armee, die ca. 4 Mio. Euro täglich für die Bewachung der Mauer ausgibt. Dennoch sehen viele Jugendlichen keine andere Möglichkeit, ein bewaffneter Kampf scheint vielen die einzige Lösung. Die politische Führung der Frente Polisario möchte diesen nicht eingehen. Sie ist auf Schmusekurs mit den Europäischen Gebern.

Welche Rolle spielt die EU?

Die europäische Haltung im Westsaharakonflikt ist heuchlerisch. Zum einen werden die Flüchtlingscamps in Algerien unterstützt und die ganze Bevölkerung der Westsahara mit so genannter Entwicklungshilfe über Wasser gehalten. Auf der anderen Seite ist die Europäische Union an einer politischen Lösung des Konflikts nicht interessiert. Zu stark sind die Verbindungen der Französischen Eliten mit Marokko, zu wichtig der Absatzmarkt im Königreich. Zudem liegt in den besetzten Gebieten eins der weltweit reichsten Phosphatvorkommen, das von Marokko völkerrechtswidrig ausgebeutet wird. Gleichzeitig kooperiert Marokko mit der Europäischen Union wenn es um die „Abwehr“ von Flüchtlingen geht. So unterstützt die Europäische Union die Überwachungsanlagen an der Abwehrmauer mit elektronischem Gerät. Das Schicksal der Sahauris ist politisch bedeutungsloser, als das gemeinsame Abwehren von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa. Ein teuflischer Pakt.

Was tun?

Dabei könnten schon kleinere Bewegungen Fortschritte bringen. So ist die UN-Mission, welche die Einhaltung des Waffenstillstands überwacht, nicht dazu befugt,Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, auch wenn diese direkt vor ihren Augen passieren. Das muss sich ändern, damit die Bevölkerung der Willkür der marrokanischen Behörden nicht immer wieder ausgeliefert ist. Aktivist_innen für die Unabhängigkeit der Westsahara sitzen ohne Gerichtsprozess im Gefängnis. Ein junger Sahraui, der an einem friedlichen Protestcamp für die Unabhängigkeit der Westsahara teilnahm, floh vor einer Verurteilung nach Spanien. Derzeit droht ihm eine Abschiebung nach Marokko, wo er nun eine lebenslange Haftstrafe verbüßen soll. Wir selbst haben mit einer Aktivistin reden können, die 8 Jahre im Gefängnis ohne Anklage saß und von marokkanischen Beamten drangsaliert wurde.

Des Weiteren muss das Referendum über die Unabhängigkeit endlich durchgeführt werden. Dieses wurde den Sahrauis schon bei den Verhandlungen über die Waffenruhe 1991 versprochen. Doch bisher wurde dieses nicht durchgeführt, weil die Marokkanischen Behörden dies nicht wollen und weil die französische Regierung bisher eine UN-Sicherheitsratsresolution dazu verhindern konnte – durch diplomatisches Geschick und nicht durch ein Veto. Ein Referendum würde den Beginn der Unabhängigkeit bedeuten und damit wohl das Ende der Unterdrückung der Menschen in der Westsahara sowie die trostlose Lage der Flüchtlinge in den algerischen Flüchtlingscamps.

Ein erster Schritt dahin kann auch von Seiten der Staatengemeinschaft geschehen. Die Rot-Grüne Regierung Schwedens hat bereits angekündigt, dass sie die Westsahara als Staat anerkennen wollen. Wenn ein mächtiger Staat, wie Deutschland diesem Beispiel folgen würde, würde Marokko stärker unter Druck geraten. Wenn stets davon gesprochen wird, Friedenspolitik präventiv auszurichten, wäre es höchste Zeit, dieser Prämisse im Westsaharakonflikt zu folgen.Der Konflikt verschärft sich weiter, je stärker besonders die jungen Menschen in der Ausweglosigkeit gefangen sind und Vertrauen in die lokale Politik, wie auch die internationale Staatengemeinschaft und Institutionen verlieren. Besonders auch vor dem Hintergrund der politisch instabilen Situation in den angrenzenden Ländern der Sahel-Zone, ist das Wegschauen und Vergessen unverantwortlich und befördert die Entstehung von neuer Gewalt.

 

Für mehr Informationen:

Homepage von CEAS Sahara

Vice-documentary für den ersten Einblick

Englischsprachiger Blog von Bewohner_innen der Flüchtlingscamps

Informationsseite über die völkerrechtwidrigen Plünderungen von Ressourcen durch Marokko in der Westsahara

Jessi ist ehemalige Landessprecherin der GRÜNEN JUGEND Baden-Würtemberg und aktuell frauenpolitische Sprecherin im Vorstandder Grünen in Baden-Würtemberg. Ihr politischer Schwerpunkt ist Frauen- und Genderpolitik.

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Jessi ist ehemalige Landessprecherin der GRÜNEN JUGEND Baden-Würtemberg und aktuell frauenpolitische Sprecherin im Vorstandder Grünen in Baden-Würtemberg. Ihr politischer Schwerpunkt ist Frauen- und Genderpolitik.

3 Kommentare

  1. hayì mustapha sagt

    West sahara war nie ein staat . Es war und wird marokko bleiben derwest sahara chef ist selber ein marokkaner beweisen sie mir bitte das gegenteil

  2. Machen Sie nicht die Menschen verwirrt. Diese Menschen gingen in den Süden Algeriens weit von der Westsahara Territory. Die 25000 saharauischen abgesondert Süden Algeriens müssen nach 40 Jahren Folter und Zwangs Entführung zu verlassen. Die algerische Maskerade sollten aufhören. Diese Leute haben keinen Grund, umgeben Süden Algeriens zu bleiben. sie haben Heimat (Marokko, Mali und Mauretanien), wo sie willkommen sind.

    Danke!

    Ahmed Salem Amr Khaddad
    Unionist Saharawi – Internet Aktivist

  3. Nassim sagt

    Die Menschen sind unsere Geschwister und Brüder und haben keinen Grund in Algerien als Flüchtlinge zu leben. Sie können gerne in Ihre Heimat zurückkehren und in Frieden mit uns leben. Diese Probleme sind von diesem militärischen Staat Algerien geschaffen, um unsere Nation zu spalten. Marokko existiert seit Jahrhunderten und wurde von Kolonialmächte (Spanien, Frankreich) in Stücken aufgeteilt gedemütigt, verachtet und von seinem Reichtum profitiert. Keiner auf dieser Welt kann das Schicksal Marokkos bestimmen, außer die Marokkaner selbst inklusive die Saharawi
    Danke

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