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Warum der 9. November kein Tag zum Feiern ist

Am 9. November 1923 marschierten Hitler und seine Gefolgschaft im Rahmen des Hitlerputsches auf die Münchner Feldherrnhalle. Seitdem war der 9. November ein besonderer Gedenktag für die NationalsozialistInnen. Seit der Machtübernahme der NSDAP wurden im gesamten „Deutschen Reich“ jährlich am 9. November Zeremonien zu Ehren der Putschisten sowie aller für das „deutsche Vaterland“ Gefallenen verantstaltet. 1939 wurde der 9. November durch Hitler persönlich zum Gedenktag der Bewegung und damit zum staatlichen Feiertag erklärt.

Am 9. November 1938, genauer gesagt in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, ereigneten sich in der so genannten Reichspogromnacht eine Vielzahl organisierter antisemitischer Gewalttaten, bei denen tausende deutscher Jüdinen und Juden misshandelt, vergewaltigt, verhaftet oder getötet wurden, hunderte Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte, Friedhöfe und andere Orte jüdischen Lebens zerstört wurden. An die 400 Jüdinnen und Juden kamen bei den Pogromen ums Leben. Ab dem 10. November wurden ca. 30.000 Jüdinnen und Juden in Konzentrationslager inhaftiert. Somit wurde der 9. November zum symbolischen Zeitpunkt, ab dem die Diskriminierung der deutschen Jüdinnen und Juden zur systematischen Verfolgung wurde, die in der industriellen Massenverichtung mehrerer Millionen Menschen mündete.

Nachdem sich mit dem „Fall“ der Berliner Mauer am 9. November 1989 ein entscheidender Impuls für die deutsche Wiedervereinigung ereignet hatte, sorgte die Erinnerung an die Reichspogromnacht und die Gräueltaten des nationalsozialistischen Deutschlands dafür, dass der 9. November eben nicht der Nationalfeiertag für das Feiern der „deutschen Einheit“ wurde. Ausgewählt wurde hingegen der 3. Oktober, der Jahrestag der formalen Einigung von 1990, an dem die deutsche Wiedervereinigung gefeiert, das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen gefördert und die staatliche Einheit gefestigt werden soll. Gerade für diese Ziele, so war man sich Anfang der 90er Jahre weitgehend einig, war der 9. November nicht geeignet.

Aber am 9. November 2014 wird in Deutschland gefeiert. Das Land Berlin veranstaltet ein riesiges „Bürgerfest“; es wird eingeladen zum Festakt im Konzerthaus; 8000 Luftballons steigen zur Feier des Tages in den Himmel; die Berliner Philharmoniker geben im Rahmen der Jubiläumsparty ein Konzert, öffentlich-rechtliche Sender übertragen live von den Feierlichkeiten und BILD.de, N24 und Spiegel-Online tickern für alle Daheimgebliebenen. Kurz: Am 9. November 2014, dem 25. Jahrestag des „Mauerfalls“ und 76. Jahrestag der Reichspogromnacht ist die deutsche Hauptstadt im patriotischen Ausnahmezustand und und Millionen Menschen feiern bzw. verfolgen eine riesige nationale Party.

Dass diese Party am Jahrestag der Reichspogromnacht mit dieser enormen gesamtgesellschaftlichen Begeisterung gefeiert werden kann, zeugt mindestens von fehlendem Geschichtsbewusstsein, wenn nicht von der ekelhaften, den Holocaust relativierenden Motivation, lieber die eigene Nation und sich selber zu feiern, als an die NS-Verbrechen erinnert zu werden.

Jamila Schäfer war lange Mitglied der SPUNK-Redaktion und studiert in Franfurt am Main Soziologie und Philosophie. Sie ist die Bundessprecherin der GRÜNEN JUGEND.

4 Kommentare

  1. Patrick H. sagt

    Liebe Jamila,

    ich gebe dir recht, es ist richtig, dass der 9. November kein „National‚feier‘tag“ geworden ist. Es ist nicht nur deshalb richtig, weil dem die historische Bedeutung des 9. Novembers 1938 entgegensteht. Es ist richtig, weil es falsch ist die Nation zu feiern.

    Deswegen bin ich nicht glücklich darüber, dass der 3. Oktober Nationalfeiertag ist. Er erlaubt es, zu leicht in eine patriotisch-nationalistische Haltung zu verfallen, das Konstrukt Nation zu überhöhen. Ich finde das nicht gut. Ich finde, an solchen Tagen mit besonderer historischer Bedeutung muss jegliche Form des Gedenkens gekoppelt sein an die Bedeutung eines Ereignissen für die Menschen der Zeit, für den Verlauf der Geschichte und damit die Bedeutung für die Menschen zu späteren Zeiten. Und deswegen muss man der positiven Bedeutung, die der 9. November 1989 für die Menschen der Zeit und für die Geschichte hatte, genauso gedenken, wie man der schrecklichen Bedeutung des 9. Novembers 1938 gedenken muss.

    Deswegen war es absolut richtig, dass am 9. November 2013, 75 Jahre nach der Reichspogromnacht, das Gedenken in der Öffentlichkeit an eben diese im Vordergrund stand. Deshalb ist es richtig, dass heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, das Gedenken an eben diesen im Vordergrund steht.

    Der 9. November steht zusammen mit wenigen anderen Tagen und ganz sicher deutlich mehr als jener 3. Oktober, für die Ambivalenz der deutschen Geschichte. Aber es gehört zur deutschen Geschichte, dass man sich mit ihrer Ambivalenz außeinandersetzt, mit ihrem Schrecken und ihren friedlichen Seiten. Und damit man in der Lage ist, zumindest ansatzweise aus ihr zu lernen, finde ich es wichtig, dass man sie nicht überhöht. Und deswegen ist beides für den 9. November wichtig. Und es ist gut, dass beides stattfindet, mit ggf. unterschiedlichem Fokus in unterschiedlichen Jahren.

    Ich tue mir angesichts dessen, dass ich in einem Land lebe, in dem die demokratisch gewählte Regierung nicht gewillt ist, die Freiheit der Menschen vor Überwachung durch Geheimdienste zu schützen, extrem schwer damit, dass am heutigen Tage die „Freiheit“ in Europa betont wurde. Aber ich finde die Feierlichkeiten heute in Berlin wichtig für die Menschen, die diese Zeit erlebt haben und für die jüngeren Generationen, die in der Zeit nach der Wende aufgewachsen sind. Angesichts der nachfolgend nächsten Zeitenwende am 11. September 2001 ist es außerdem wichtig als Signal dafür, was friedliches Engagement bewirken kann und wie man dadurch den Verlauf der Geschichte positiv beeinflussen kann. Aber historisch wichtig auch als Signal gegen staatlichen Terror in Europa. Ich will *nicht*, dass dieses Signal ausschließlich einem Nationalfeiertag zugeordnet wird, der deutlich mehr als der 9. November zum nationalen Trubel missbraucht wird, der mehr dazu geeignet ist, historische Ereignisse patriotisch zu überhöhen. Ich fand die Feierlichkeiten heute auch weitestgehend angemessen – zugegeben das Anstimmen der Nationalhymne empfand ich nicht so. Was aber gar nicht geht: Konservative, die meinen, am 9. November zusammen mit Nazis auf die Straße gehen zu können. Das ist der eigentliche Tiefpunkt des heutigen Tages.

    Ich finde es genauso richtig, das Glück vieler Menschen vom 9. November 1989 zu feiern, wie ich es richtig finde, an diesem Tag an die Toten der innerdeutschen Grenze zu denken, wie auch auf das schreckliche Schicksal der Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen hinzuweisen – und natürlich an die Schrecklichkeit des 9. Novembers 1938 zu erinnern. All das gehört gleichermaßen zum Geschichtsbewusstsein. Und ein solches Geschichtsbewusstsein ist mir deutlich lieber, als den Nationalisten einen Teil davon exklusiv zu überlassen. Dieses Jahr ist der Mauerfall 25 Jahre her. In anderen Jahren werden wir das Gedenken an 1938 wieder im Vordergrund sehen. Sorge habe ich viel mehr vor den Feierlichkeiten zu 25 Jahren deutscher Einheit am 3. Oktober. An diesem Tag wird man wohl tatsächlich noch viel mehr die eigene Nation und sich selbst feiern, als sich an die NS-Verbrechen zu erinnern.

    Grüße,
    Patrick

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  3. Magnus sagt

    Keine Fussbreit den Rechten gilt auch fuer Gedenktage. Wollen wir wirklich die Deutungshoheit den Nazis ueberlassen? Nein, lasst den 09. den deutschesten aller Tage sein: furchtbar Bestialischer Mist und gleichzeitig groesster Triumpf. Das ist unser Land, beides gleichzeitig. Feiern, dass es anders ist, lachend mit Traenen der Trauer in den Augen.

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