Satire
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Warum euer Teilzeitaktivismus mich abfuckt

Die Rechte liegen bei https://www.flickr.com/photos/quattrostagioni/6363562459/

Wie du mit wenig Aufwand beliebt wirst und engagiert wirkst

Tu so, als hättest du eine Meinung. Notfalls nimmst du die deines Gegenübers. Mache an deinem Geburtstag nur „eine kleine Runde“, dann werden alle wissen, wie unfassbar viele Freund*innen du hast und dass du unmöglich alle einladen kannst. Serviere veganes Superfood mit Soja aus dem Regenwald und Palmöl. Alternativ dazu könntest du auch billige Salami anbieten, einfach als Protest gegen „den veganen Hype“.

Achte darauf, dass deine kleine Runde um zehn Uhr abends endet. Schaut einen Kunstfilm, den niemand von euch versteht oder die Tagesthemen, die auch jeder von euch für einen Kunstfilm hält. Diskutiert darüber.

Rede ausschließlich über dich selbst oder über deine Katze. Niedliche Dinge kommen immer gut an. Über Wein lässt sich auch gut reden, erwähne bitte oft genug, dass er über 11 Euro gekostet hat. Er ist ein bisschen fruchtig im Abgang, alternativ schmeckt er pelzig oder schwer. Ihr könnt auch leidenschaftlich darüber diskutieren, wie sehr euch die armen Tiere im Regenwald leidtun, die wegen des Palmöls sterben und mindestens genauso leidenschaftlich in euren Nutella-Toast beißen. Vage anschneiden könntest du auch Themen wie Musik, Theater und Donald Trump. Hot Topics wie Augenbrauen und Pandas im Zoo, wie süß!

Wenn du wirklich engagiert wirken willst, dann stecke dein Smartphone und deine Aura in eine Pandahülle und sei super busy. Leg dir verschiedenfarbige Textmarker für unterschiedliche Lebenssituationen an und hab Sex mit deinem Abiturzeugnis. Sei weder rechts noch links, sei nur engagiert. Und erwähne es bitte an jeder Stelle, die dir dafür geeignet erscheint. Rede nicht über relevante politische Ereignisse, sondern hauptsächlich über den Spreewald oder ein kleines Dorf in den Alpen.

Wie du vorgaukelst, desinteressiert zu sein, obwohl du keine Ahnung hast

Führe kurz an, dass du mittlerweile auch gar kein Fernsehen mehr schaust, dass du keine Zeitung mehr liest, aber Eilmeldungen trotzdem aktiviert hast.

Zeitung liest du nicht. Lieber spielst du also Subwaysurfers auf deinem Telefon und freust dich darüber, dass du nichts von dem mitbekommst, was um dich herum passiert. Man könne so froh sein, sagst du, dass wir Frieden haben. Friede, Freude, Eierkuchen, du hast immer noch Nutella im Gesicht, mein Freund. Die armen Tiere.

Die Kriege, die Leute wie du woanders hin verlagert haben, schenken uns einen verdammten Frieden und scheinbar auch das Bedürfnis, alles zu kommentieren und zu allem eine Meinung zu haben, obwohl ihr konsequent keine Zeitung lest und konsequent jede Meinung aufsaugt, als wäre es eure eigene. Wer oder was ist eigentlich Aleppo?

Die Nachrichten sind so schrecklich, dass du aufhörst, darüber zu reden. Alles, was in der Welt passiert, kommt dir so weit weg vor. Unsere Welt ist so global, so klein, alle sind so eng beieinander und dir kommen Kriege auf der anderen Seite des Mittelmeers weit weg vor. Deine Jeans kommt aus Orten, die noch weiter weg sind, doch hast du dazu einen Bezug.

Du sagst, der Feminismus und die LGBTQ*-Bewegung gehen dich nichts an, schließlich seist du ein Mann und überhaupt, das Thema sei längst out und desto mehr Menschen darüber reden, desto mehr werde es zum off-topic. Sei möglichst überheblich und tu so, als wären alle anderen dumm.

Wie du trotz dessen, dass du Anarchist*in bist, sehr cool sein kannst

Sei keine echte Anarchist*in, sondern nur eine Teilzeitanarchist*in. Feire Weihnachten. Lehne den Kommerz nicht ab! Betone trotzdem betont beiläufig, wie wichtig es sei, dass sich mal jemand einsetzt. Sei Anarchist*in von halb vier bis fünf, aber nur mittwochs und auch nur, wenn du dich danach fühlst. War die Gesellschaft einst noch das Ziel und das höchste Gut, so hat sie heute Schuld an allem. Bezeichne viele andere Menschen als dumm und diskutiere solange mithilfe von irrelevanten Fakten, bis sie gehen. Nazi sein ist blöd angesehen und Kommunist*in sein ist zu schwierig zu verstehen, sei Anarchist. Versuche bei testedich.de bei „Bist du Anarchist??ßßß?ß?ß?xD“ 91% zu erreichen. Glückwunsch, wenn du es schaffst!

Sei so kapitalorientiert, wie möglich und sei modebewusst. Es reicht schon, den Unterschied zwischen Nazis und nicht-Nazis zu kennen, pro Individualität zu sein. Es ist okay, sich ein Shirt mit dem bedeutungsvollen Wort „Freedom“ zu kaufen, achte aber darauf, dass es in senfgelb ist. Trendfarbe. Lenke Diskussionen immer in Richtung Kapitalismus und schau beschämt auf deine Nike-Schuhe. Wenn die Diskussion in eine andere Richtung geht, sag nochmal, wie dumm alle seien und google heimlich auf deinem iPhone, wer oder was Aleppo ist. Lauf bei Demos gegen Massentierhaltung und für das Gute mit, egal was das Gute ist. Hauptsache, du demonstrierst, weil so machen das die Anarchist*innen! Die anderen werden es schon wissen. Mach hochauflösende Bilder und poste sie. Markiere alle deine Freund*innen drauf und schreib runter #anarchoporn und „Hört auf, das zu machen, was ihr macht!“. Sei betont lässig. Umweltschutz ist egal, mhm lecker, Nutella mit Palmöl. Sag trotzdem, dass dir die Tiere leidtun.

Wie du rechts sein kannst, ohne es zuzugeben

Sei national, solange du nicht diskutieren musst. Wenn dich jemand nach deiner Meinung fragt, sag einfach irgendwas, egal was. Wenn dich später jemand auf diese Aussage anspricht, behaupte, du hättest sowas nie gesagt. Wenn du jemanden nicht magst, sag, si*er solle aufhören, linke Propaganda zu verbreiten. Wenn dich jemand auslacht, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wirst du wütend und schreist rum oder du machst seine oder ihre Mutter runter. Nein, keine Sorge, rechtspopulistisch sein, ist nicht schlimmes und die Reden von rechtspopulistischen Politiker*innen waren nicht so gemeint. Sag das. Erzähl ab und zu, dass auch Deutsche im zweiten Weltkrieg gestorben sind. Linke sind Terrorist*innen, Ausnahmen gibt es nicht. Generell nicht.

Lest keine Zeitung. Lasst euch beeinflussen. Startet den dritten Versuch zur Weltherrschaft.

Warum euer Teilzeitaktivismus mich abfuckt

Politik umgibt uns alle, ob wir es wollen oder nicht. In Zeiten, in denen das Vertrauen in die Demokratie immer geringer wird, kann sie eines nicht gebrauchen: Teilzeitaktivismus, egal in welcher Ausprägung. Menschen, die denken, sie hätten sich ausreichend mit einem Thema auseinandergesetzt, aber letztendlich nur Meinungen übernehmen und sich mit Dingen profilieren, die sie nicht sind. Menschen, die von der Faszination geleitet sind, ganz anders als alle zu sein und somit wie jeder andere Teilzeitaktivist*in werden. Kritik an der Demokratie entsteht durch Teilzeitaktivismus. Meinungen müssen schnell gebildet werden, es kümmert niemanden, ob die Meinung sinnvoll und überlegt ist. Hauptsache, es gibt sie. Würden Menschen sich mit ihrer Meinung beschäftigen und lernen, was die Konsequenzen für diese oder jene Meinung sind, würde ich keine Kritik üben.

So folgen den Worten keine Taten und leere Versprechungen stehen irgendwann ziemlich traurig neben zahlreichen Bildzeitungpolemiker*innen, die uns erklären, dass es keinen Klimawandel gebe.

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