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Warum wir über unsere Zeit diskutieren

Wer kennt nicht das Problem, mal wieder nicht genug Zeit gehabt zu haben, um für den Film, den wir unbedingt sehen wollten, ins Kino zu gehen? Oder es mal wieder nicht geschafft zu haben, endlich auf die lange E-Mail von Oma zu antworten?

Gibt es eine politische Antwort auf Zeitprobleme? Oder sind diese lediglich Produkte der eigenen Prioritätensetzung? Wir bestimmen über vieles, was wir mit unserer Zeit anfangen selber, aber unser Umfeld gibt uns Rahmenbedingungen vor, die manchmal bewusst, manchmal unbewusst unsere Zeiteinteilung beeinflussen.

Diese Rahmenbedingungen sind die so genannten „Zeitinstitutionen“. Zeitinstitutionen sind von der Gesellschaft entweder gesetzlich oder kulturell geregelte „Zeittermine“, zum Beispiel Ladenschlusszeiten, das freie Wochenende, Feiertage, Fährpläne von Bus und Bahn, aber auch der Geburtstag, der traditionelle Familienspaziergang am Ostersonntag oder die Tagesschau um 20 Uhr.

Zeitpolitik möchte nun die Zeitinstitutionen, wo möglich, politisch so regeln, sodass Menschen mehr „Zeitsouveränität“, also mehr Selbstbestimmung über ihr Zeit, bekommen.

Das Ziel dabei ist, den Rahmen so zu setzen, dass sich alle, unabhängig von Geschlecht, sozialer Herkunft oder kulturellem Hintergrund, genug „freie“ Zeit ermöglichen können, um ihre Werte zu leben und ihre Ziele zu verwirklichen.

So viel erst mal zur Theorie, konkret an einem Beispiel könnte das Folgendes bedeuten:

Aron ist es wichtig, beim Einkauf auf nachhaltige und biologisch angebaute Produkte zu achten. Leider hat er neben seinem Job als Lehrer und der Zeit, die er mit seiner kleinen Tochter und seinem sehbehinderten Vater verbringt, kaum noch freie Zeit, auch auf den etwas weiter entfernten Wochenmarkt zu fahren, um dort von regionalen Bäuerinnen_Bauern Lebensmittel zu kaufen, sondern schafft es nur in den Supermarkt nebenan, der nur wenig Bio- oder regionale Produkte anbietet.

In diesen Bereich soll die Zeitpolitik eingereifen. Würde es Aron zum Beispiel helfen, wenn er nur noch 30 Stunden die Woche mit vollem Lohnausgleich arbeitet? Oder wenn ihm die Zeit, die er mit seiner Familie verbringt, als Arbeitszeit anerkannt wird, da sie unerlässlich für eine funktionierende Gesellschaft ist? Oder möchte er lieber eine gute und auf seine Zeitansprüche angepasste Kinderbetreuung für seine kleine Tochter? Oder wünscht er sich mehr Unterstützung für seinen Vater mit Sehschwierigkeiten? Oder sollte es einen Supermarkt nahe zu seinem Wohnort geben, der Bio- und regionale Produkte verkauft? Oder würde ihm schon ein Bus helfen, der ihn schnell zu dem Wochenmarkt bringt? Wie man bei diesem Beispiel sehen kann, greift die Zeitpolitik in fast jeden Politikbereich mit ein. So tangiert die 30-Stunden-Woche die Arbeitspolitik, eine bessere Betreuung für seine Tochter oder seinen Vater die Sozialpolitik, der Supermarkt mit mehr regionalen Produkten die Agrarpolitik und der Bus beträfe die Infrastruktur- und Verkehrspolitik.

Zeitpolitik hat aber auch den Anspruch „Zeitmanagement“ in einem größeren Konzept zu denken. Die Frage ist hier, welche Regelungen es geben kann, um mehreren Menschen gemeinsame Zeit einzurichten. Das kann man wieder an einem Beispiel erklären: Aron möchte nun nicht mehr alleine auf dem Wochenmarkt gehen, um einzukaufen, sondern dies mit seinen Freund_innen Yvonne und Alex zusammen machen. Jetzt müssen die drei aber auch erst einmal in ihrem Leben freie Zeit schaffen, um gleichzeitig zu diesem Wochenmarkt zu gehen.

Zeitpolitik möchte also den Weg hin zu einer selbstbestimmteren, sozial gerechteren und individuelleren Zeiteinteilung aller Menschen hinarbeiten.

Sie hat dabei auch den Anspruch, bei allen politischen Entscheidungen sowohl Einfluss auf die jetzige Zeitsouveränität der Menschen zu nehmen, als auch die zukünftigen Auswirkungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu beachten.

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