Netzpolitik
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Was ist eigentlich Netzfeminismus?

Ein wichtiges Anliegen von vielen (Netz-)Feminist*innen ist die Sichtbarmachung von feministischen Themen und Positionen. Wie notwendig das ist, zeigt ein Blick auf Bundestag, Unternehmsvorstände, Aufsichtsräte oder die Gästeliste der Jauch-Talkshow. Zwar ist der Frauenanteil im Deutschen Bundestag ist der Bundestagswahl 2013 so hoch wie nie zuvor und liegt trotzdem nur bei traurigen 36 Prozent. Damit sind Frauen im Bundestag immer noch besser vertreten als in vielen anderen Bereichen: Die Männerquote in den Chefredaktionen deutscher Zeitungen liegt bei 98 Prozent, in den Vorständen der DAX-Unternehmen bei 93,7 Prozent. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen – die Präsenz von Frauen in politisch und gesellschaftlich relevanten (Macht-)Positionen ist absurd gering.

Was unsichtbar ist, kann sichtbar gemacht werden

Wenn Medien und Politik männlich dominiert sind, schaffen wir uns unsere Bühne eben selbst! Das Internet bietet Möglichkeiten zu Vernetzung, Austausch und zur Sichtbarmachung. Vor ziemlich genau einem Jahr klappte das mit der Sichtbarmachung durch eine Twitteraktion ziemlich gut: Anne Wizorek (@marthadear) schlug vor alltägliche sexuelle Belästigungen und Übergriffe unter einem Hashtag zu sammeln. #aufschrei war geboren. Tausende Frauen* twitterten Dinge wie “Die unzähligen Male, die ich als humorlos bezeichnet wurde, weil ich einen „leichten Klaps“ auf den Arsch nicht witzig fand #aufschrei” oder “Der Typ der mich als F*tze beschimpfte, als ich lieber ein Buch lesen wollte als mit ihm zu reden. #aufschrei”. Der #aufschrei landete schnell in klassischen Medien, Feuilletonist*innen schrieben sich die Finger wund, Anne Wizorek wurde zu Günther Jauch eingeladen, und, vielleicht das Wichtigste: viele Frauen* merkten zum ersten Mal, dass sie mit sexistischen Belästigungen nicht alleine sind. Dass witzig gemeinte Sprüche übers Einparken, von Wildfremden in der Bahn angetatscht werden, aufs gebärfähig sein reduziert werden, tausenden anderen Frauen* auch passiert. Dass Sexismus und sexuelle Übergriffe alltäglich sind. „Eine Frau, die glaubt, ein unglücklicher Einzelfall zu sein, wird keine Revolte starten“ schreibt Magarete Stokowski in der taz. Und genau deshalb ist Netzfeminismus so großartig: Feministinnen, die sich away from keyboard (offline) niemals getroffen hätten können sich vernetzten, austauschen, Erfahrungen teilen. Und plötztlich fällt einer auf, dass sie kein Einzelfall ist.

Feministinnen, die sich away from keyboard (offline) niemals getroffen hätten können sich vernetzen, austauschen, Erfahrungen teilen. Und plötztlich fällt einer auf, dass sie kein Einzelfall ist.

Durch #aufschrei wurde eine gemeinsame Öffentlichkeit geschaffen. Andere (Twitter)aktionen funktionieren ähnlich. Unter #SchauHin werden alltagsrassistische Erfahrungen gesammelt, unter #SolidarityIsForWhiteWomen wird weißer Mainstreamfeminismus kritisiert, unter #LifeOfAMuslimFeminist wird über sexistische und antimuslimische Diskriminierung getwittert. Unter #IchHabeNichtAngezeigt erzählten Menschen, warum sie ihre Vergewaltiger nicht angezeigen. Sämtliche Statements wurden hinterher ausgewertet und machen die erschreckende Dunkelziffer für ein immer noch sogut wie strafloses Verbrechen sichtbar.

Blog Dir Deine Welt wie sie Dir gefällt

Netzfeminismus besteht aber nicht nur aus gemeinsamen Twitteraktion und Kampagnen, sondern auch aus feministischen Blogs. Da gibt es Gemeinschaftsblogs wie Mädchenmannschaft oder kleinerdrei und Blogs oder Seiten mit Themenschwerpunkten wie feministfrequency, wo sich die Medienwissenschaftlerin Anita Sarkeesian in großartigen Erklär-Videos mit der Darstellung von Frauen* in Filmen und Computerspielen beschäftigt oder femgeeks. Und, nicht zu vergessen, die viele persönliche Blogs. Zum Überblick verschaffen und reinschnuppern, schaut mal bei dem Bloggerinnen-Magazin featurette vorbei. Durch das Verbloggen von feministischen Themen werden Räume geschaffen, um Themen zu behandeln, die sonst untergehen: Schönheitsnormen, Fatshaming, reproduktive Rechte, Alltagssexismus, Gewalt in der Geburtshilfe… Insbesondere für Frauen, die von Mehrfachdiskrimierungen betroffen sind, ist dieses Sichtbarmachen unglaublich wichtig: Die Perspektiven von zum Beispiel Women of Color oder Frauen mit Behinderung, die nicht nur von Sexismus, sondern auch noch von Rassismus oder Ableismus betroffen sind, kommen in klassischen Medien kaum vor.

Mein Internet ist mein Wohnzimmer

Das Unschöne am Netzfeminismus ist, dass feministische Meinungsäußerungen im Netz Trolle, Maskulinisten und Vollidioten anziehen wie mich ein Stück vegane Schokotorte.

Das Unschöne am Netzfeminismus ist, dass feministische Meinungsäußerungen im Netz Trolle, Maskulinisten und Vollidioten anziehen wie mich ein Stück vegane Schokotorte. Keine feministische Aktion, kein feministisches Blog, kein öffentlicher Twitteraccount bleibt von widerlichsten Beleidigungen verschont. Nach nur kurzer Zeit wurde der Hashtag #aufschrei von Trollen überschwemmt, die sich (im “besten” Fall) über Feminismus lustig machten. Im schlimmsten Fall wurden Menschen massiv persönlich angegriffen und beleidigt, inklusive Mord- und Vergewaltigungsdrohungen per Mail und dem Veröffentlichen von Adressen. Ein absoluter Tiefpunkt war das Computerspiel “Schlag die Schlampe” in dem der Spieler (sic) Punkte dadurch erhielt, Anita Sarkeesian zu verprügeln. Warum? Anita hatte auf einer Crowdfunding Plattform um finanzielle Unterstützung für ein Rechercheprojekt zu Geschlechterrollen in Computerspielen gebeten. Einen sowohl guten als auch erschreckenden Einblick in diese sogenannte Hatespeech, der früher oder später vermutlich alle Netzfeministinnen* begegnen, bietet ein Vortrag von der Jasna Strick (@faserpiratin) mit dem Titel “Ihr gehört nur mal alle durchgevögelt”.

Ein tolles netzfeministisches Projekt, dass sich gegen Hatespeech wehrt, indem es sie sichtbar macht ist hatr.org. Dort können Menschen, die rassistische oder sexistische Kommentare erhalten, diese hinschicken. Es wird eine Art exklusive Öffentlichkeit geschaffen – die Beleidigungen bleiben nicht unter dem eigenen Blogpost stehen, verschwinden nach dem Löschen aber auch nicht komplett, sondern sind weiterhin zugänglich und machen sichtbar, womit Netzfeministinnen sich oft tagtäglich konfrontiert sehen.

Online ist nicht gleich offline – Oder doch?

Trotz nerviger Kommentare für das Vertreten von feministischen Positionen ist Netzfeminismus großartig. #aufschrei hat erreicht, dass öffentlich wieder breit über Sexismus und sexistische Gewalt diskutiert wird. Netzfeministinnen haben im letzten Jahr wieder und wieder sexistische und entmündigende Äußerungen kommentiert, darüber gebloggt, getwittert, diskutiert. Netzfeministinnen haben einen offenen Brief an den Bundespräsidenten Gauck und an die ehemalige Familienministerin Schröder verfasst. Sie haben für Aktionen mobilisiert, haben tausende Male feminstisches “Grundwissen” erklärt, haben feministische Barcamps und ein netzfeministisches Biertrinken in Berlin organisiert. Sie haben teilweise für große Online-Zeitungen geschrieben und dadurch “Offline-Debatten” angestoßen, so dass sogar mein internetloser Opa mittlerweile weiß, was #aufschrei ist. Und vorallem haben Netzfemininistinnen im letzten Jahr vielen Frauen das Gefühl gegeben, nicht alleine zu sein: Es wurde sich vernetzt, online wie offline. Aus Twitter-Bekanntschaften wurden Freundinnenschaften, aus abstrakten Ideen enstanden feministische Barcamps. Für 2014 wünsche ich mir mehr davon!

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