Debatte
Kommentare 1

Was mich veranlasst, Steine werfen zu wollen.

Ich bin Pazifistin. Ich war in meinem ganzen Leben auf weniger Demonstrationen, als dass ich sie an beiden Händen abzählen könnte. Ich bin der Mensch, der brütet, der schreibt, der nachdenkt, der Positionen verfasst, der sich damit zufrieden gibt, theoretische Fundamente zu legen.

Demonstrationen sind mir zu populistisch. Polizist*innen finde ich angsteinflößend. Vor Massenbewegungen und der geballten Wut der Straße fliehe ich. In meinen Elfenbeinturm. In mein Studierzimmer. An meinen Schreibtisch. Und eigentlich war das immer ganz in Ordnung. Eigentlich war ich zufrieden damit. Eigentlich habe ich mir eingeredet, das passt schon so. Irgendjemand hört sicher zu. Theorie ist besser als Praxis.

Was mich trotzdem veranlasst, Steine werfen zu wollen, Dinge zu zertrümmern, Menschen zu beschimpfen, laut zu schreien, auf offener Straße anzufangen zu weinen, ist helle Wut. Die vielleicht schon immer gekocht hat, die aber vor allem in der letzten Zeit exponentiell angestiegen ist. Ich hatte die Gewohnheit, Dinge auf Distanz zu halten. Plötzlich berühren sie mich. Plötzlich kann ich nicht mehr stillsitzen. Plötzlich möchte ich laut schreien. Aber wer würde zuhören?

Tragödien im Mittelmeer waren schon immer schlimm, aber auch ein bisschen weit weg. Ich, privilegiert aus einer Mittelschichts-, einer Akademikerfamilie, streite natürlich für Pluralismus und Offenheit. Das gehört schon fast zum guten Ton. Doch das waren immer auch ein bisschen leere Worte.

Plötzlich sind sie das nicht mehr. In der EU ändert sich etwas. Die Kommission plant eine Flüchtlingsquote einzuführen. Das klingt so, als sollte Dublin III endlich gekippt werden. Militärische Mittel sollen im Mittelmeer eingesetzt werden. Das klingt so, als sollte Europa noch mehr zur Festung werden, jetzt auch mit Kanonen gegen alle. Wo bleibt das Europa, das stolz war darauf, kein militärisches Europa zu sein? Das Europa, das mit Diplomatie weiterkam als mit Waffengewalt?

Ich bin wütend. Dann engagiere ich mich mal schön in der Grünen Jugend und dann wird alles wieder gut. Dann organisiere ich mal meine nächste Telefonkonferenz, schreibe einen Artikel für den Spunk, fahre durch halb Europa, mache ein bisschen Wahlkampf, diskutiere mit und dann habe ich schon was erreicht. Aber habe ich das wirklich? Welchem Flüchtling konkret hilft es, dass ich hier kämpfe, dass aber niemand zuhört? Wenn ich den Namen dieses einen Flüchtlings kannte, dem ich konkret mit meinem Engagement helfe, wäre ich glücklich. Dann wäre alles wieder gut. Der Schreibtisch wieder der perfekte Ort für mich. Diesen Flüchtling gibt es nicht.

Eine Stimme haben nur die Wenigsten von uns. Aus einer Jugendorganisation einer Partei wie den Grünen, die zur Zeit in der Opposition sitzen und dort auch noch die kleinste Fraktion sind, wird kaum jemand gehört. Und wenn doch, dann gibt es einen netten Artikel in der taz, den dann soundso viele linkseingestellte Bürger*innen in Deutschland lesen, sich denken, schön, die politische Jugend gibt es ja doch noch, und gemütlich weiterfrühstücken.

Ich habe keine Stimme. Weder am Schreibtisch noch steinewerfend. Das bewirkt, dass ich noch mehr Steine werfen will. Nur wen sollen die treffen? Die anonyme Komplexität unserer Gesellschaft, die verzweigten Strukturen der Undurchlässigkeit, das System der politischen Klasse, die Undurchsichtigkeit der Herrschaftstrukturen? Sie würden niemanden treffen. Sie würden nichts verändern. Trotzdem müssen sie weiter geworfen werden, wenn auch in verbaler Form, – ich bin ja Pazifistin – um die Illusion aufrecht zu halten, tatsächlich die Welt zu verändern, um bei dem ganzen sinnlosen Aktivismus auch noch ein bisschen Spaß zu haben. Man lernt ja immerhin auch nette Leute kennen und Spaß ist in unserer Generation eh das Wichtigste. Nicht umsonst sind die Clubs voll, die Wahllokale leer.

Und jetzt? Jetzt engagiert sich natürlich niemand mehr in der GJ, jetzt kann ich meine Telefonkonferenzen allein bestreiten, ohne die ein oder zwei Leute, die sonst vielleicht doch mal gelegentlich vorbeischauen. Denn, die Clubs sind voll, die Telefonkonferenzräume leer.

Aber was kann man tun? Wie soll man verändern, wenn nicht gegen diese Anonymität der Unmöglichkeit zu verändern anzukämpfen. Ich bin weiterhin die, die an ihrem Schreibtisch sitzt, die Theorie über Praxis stellt. Und ich bin weiterhin die, die weiß, dass das erst einmal nichts verändert. Überhaupt nichts. Trotzdem – und dieses trotzdem klingt schon fast verzweifelt – mache ich weiter. Denn – was wäre die Alternative? Noch jemand, der die Clubs noch voller macht und die Wahllokale noch leerer. Noch eine Person mehr in der Anonymität derjenigen, die lethargisch leben, die frustriert sind, ohne je gekämpft zu haben. Ja, ich bin frustriert, aber ja, ich habe wenigstens gekämpft.

Vielleicht konnte ich niemanden – so wie mich selbst – damit wirklich überzeugen. Es ist ernüchternd, wenn niemand zuhört, wenn man gegen Windmühlen kämpft. Es macht wütend, Artikel zu lesen und zu wissen, das wird noch die nächsten fünfzig Jahre genauso bleiben. Es nervt, wenn man trotzdem weitermachen soll, ohne je Ergebnisse zu sehen, abgesehen vielleicht von einem BuKo Beschluss, der dann in der Versenkung verschwindet. Aber eine bessere Lösung gibt es nicht. Und noch hoffe ich. Auf Weltverbesserung. Auf Wirkung. Vielleicht auch eines dieser Dinge, die man mit dem Überschreiten der Bioklippe, mit dem Erwachsenwerden, endgültig hinter sich lässt.

Paula studiert ab diesem Herbst Philosophie in England. Sie ist seit 2014 in der Grünen Jugend und koordiniert das Fachforum Globales und Europa. Außerdem ist sie Mitglied der internationalen Koordination und bei FYEG aktiv. Paula liebt Sartre und verworrene pseudointellektuelle Konversationen

Kategorie: Debatte

von

Paula studiert ab diesem Herbst Philosophie in England. Sie ist seit 2014 in der Grünen Jugend und koordiniert das Fachforum Globales und Europa. Außerdem ist sie Mitglied der internationalen Koordination und bei FYEG aktiv. Paula liebt Sartre und verworrene pseudointellektuelle Konversationen

1 Kommentare

  1. Melancholiker sagt

    Ich fühle mich sehr ähnlich, für mich führt das aber leider eher dazu sich politisch ins private zurückzuziehen. Naja aber vlt geht es auch garnicht darum die Welt komplett zu ändern, nicht dass ich es nicht wöllte, allein ich fühle mich so ohnmächtig. Aber ich denke man kann auch etwas positiver an die Sache rangehen. Naja immerhin gibt es eine Zeitung wie die taz die sich mit solchen Themen beschäftigt. Damit wir nicht alleine sind um die Welt zu verändern haben wir eine tolle Organisation wie die Grüne Jugend oder zumindest um uns selbst erst einmal eine Meinung zu bilden, ich selbst habe zu vielen Themen erst in der GJ überhaupt erst eine Meinung gebildet. Politische Meinungsbildung, die im ersten Moment zwar nichts zu erreichen scheint, aber letztendlich ist sie die Grundlage dafür das sich was ändert. Ich jedenfalls bin immer beeindruckt von Menschen die sich so viel mehr politisch engagieren und hoffe du gibst nicht auf, wie ich so oft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.