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Was Zeit und Leistung mit Drogen zu tun haben

Rund 30% der in „Deutschland“ lebenden Menschen rauchten im Jahr 2009[1], etwas mehr als zwei Drittel konsumierten Kaffee[2]. Diese beiden – neben Alkohol – wohl gängigsten Drogen zeichnen sich durch ihre leistungsfördernde Wirkung aus, die bei den Konsumierenden zu einem höheren Pulsschlag, einem subjektiven Gefühl gesteigerter Konzentration und einem Abbau von Müdigkeit führen kann.

Nikotin und Kaffee sind also perfekte Stimulatoren zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, sei es in der Uni, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Daraus folgt, dass für viele Menschen der Konsum von Nikotin und Kaffee dadurch gerechtfertigt ist, dass im Sinne der Steigerung der Leistung in gleicher Zeit ein Mehr an Arbeiten erledigt werden kann und daher durch die Einnahme dieser Drogen die Produktivität des*der Einzelnen und der Gesellschaft gesteigert wird.

Man kann daher leicht erkennen, dass eine Verbindung zwischen dem Konsum dieser Drogen, der Leistung und der Zeit besteht. Der Leistungsdruck, der auf die Menschen ausgeübt wird, verstanden dahin, in gleicher oder sogar weniger Zeit eine höhere Produktivität zu entfalten, führt oftmals zum Konsum dieser „Produktivitätsdrogen“, weil man meint, den Druck dadurch besser aushalten zu können oder sogar durch den Konsum produktiver zu werden.

Der Leistungsdruck ist daher oftmals Ursache für den Konsum von Nikotin oder Kaffee mit dem Ziel oder dem Wunsch, die eigene Produktivität zu steigern. Dies sieht unter dem Gesichtspunkt der Leistungsgesellschaft auf den ersten Blick vernünftig und wirtschaftlich richtungsweisend aus. Solange nämlich die Wachstumstheorien in der Wirtschaft vorherrschend sind, ist es in jedem Falle förderungswürdig, in immer weniger Zeit immer produktiver zu sein. Dass dies ein Irrtum ist, dürfte bekannt sein. Die gesundheitlichen Folgen dieser leistungsorientierten Gesellschaft sind unabsehbar.

Der Konsum dieser Drogen mit leistungsfördernder Wirkung steht in direktem Gegensatz zu dem Konsum derjenigen Drogen, die nicht ursächlich zum Zwecke der Leistungssteigerung, sondern als Folge des Leistungsdrucks konsumiert werden. Oftmals werden auch Drogen wie Alkohol, Cannabis, LSD, Kokain etc. genutzt, um fehlende Zeit zur Entspannung auszugleichen.

Das Vergessen alltäglicher Sorgen, der Prozess des „Abschaltens“ ist eine Folge, die des Öfteren durch Zeit- und Leistungsdruck ausgelöst wird, weil viele Menschen infolge dieses erheblichen Leistungsdrucks meinen, entweder diesem durch Drogenkonsum zu entfliehen oder aber diesen sogar damit bewältigen zu können.

So arbeitet ein Mensch in „Deutschland“ ca. 37,7 Stunden durchschnittlich in einer Woche[3]. Dabei hält zum Beispiel das Finnish Institute of Occupational Health allerdings schon allein aus gesundheitlichen Gründen weniger für sinnvoll. Soziolog*innen, wie Richard Sennett plädieren schon seit langem für 30 Stunden in der Woche, um Beruf und Leben in Einklang zu bringen, was damit konträr zum vorherrschenden Prinzip steht[4].

Insgesamt ergibt sich daher, dass insbesondere die Drogen, die produktivitätssteigernd sind und damit dem Zweck dienen, die Wirtschaft durch eine möglichst günstige Ausnutzung der Arbeitszeit zu optimieren, nicht nur gebilligt, sondern teilweise im Hinblick auf ihren Konsum sogar gefördert werden: In welchem Büro steht keine Kaffeemaschine? Der Konsum von Kaffee wird durch die Arbeitgebenden oftmals nicht nur geduldet, sondern jedenfalls zum Teil regelrecht gefördert.

Anders werden demgegenüber die Drogen gesehen, deren Konsum oftmals Folge des Leistungsdrucks ist. Diese werden hingegen aus dem Arbeitsleben – teils mit Pönalisierung – heraus gedrängt.

Der Grund hierfür liegt eigentlich auf der Hand: Es geht dabei nicht in erster Linie um die Gesundheitsgefahren für die Konsumierenden, sondern in erster Linie um die Erhaltung einer möglichst hohen Produktivität.

Somit spiegelt sich die Tatsache, dass nicht der Mensch in seiner Freiheit, sondern vielmehr seine Produktivität im Mittelpunkt steht, auch auf das Verhalten gegenüber Drogen seitens der Leistungsgesellschaft wieder.

Klar erkennbar ist also ein deutlicher Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Leistungs- bzw. Zeitdruck. Aus diesem Kontext lässt sich auch die These schlussfolgern, dass ein flexiblerer Umgang mit Zeit ohne viel Druck zu einem geringeren Konsum führt und damit zu weniger gesundheitlichen Risiken, die auch schon ohne Drogen durch Zeit- und Leistungsdruck entstehen, auch wenn sich Zeit- und Leistungsdruck – natürlich – nicht als einzige Ursache für Drogenkonsum fest machen lassen.

Was aber am Drogenkonsum in einer Leistungsgesellschaft zu beobachten ist, ist ein grundsätzliches Phänomen beim Drogenkonsum. Schließlich besitzt jede Droge eine bestimmte Wirkung. Und diese von den Konsumierenden erwünschte Wirkung auch eine bestimmte Motivation. Und das ist auch nicht schlimm, sondern selbstbestimmte Entscheidung.

Diese Selbstbestimmung ist aber dann nicht mehr gegeben, wenn an Menschen so viele Anforderungen gestellt werden, die ohne Drogenkonsum nicht zu bewältigen sind.

Diese Problematik bei Drogen bzw. Drogenkonsum anzusetzen, wäre lediglich nur ein rückwärtsgewandter Schritt, der mal wieder ausschließlich ein Symptom bekämpfen würde.

Eine zeitpolitische Entschleunigung und ein damit verbundener Abbau von Leistungsdruck ist daher der einzig konsequente Weg, nicht selbstbestimmten Konsum von Leistungsdrogen zu einer unabhängigeren Wahlmöglichkeit zwischen Konsum und Nicht-Konsum zu machen.

[1]Deutsches Krebsforschungsinstitut, 12.02.14, „Tabakkonsum in Deutschland“, http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/Tabakkonsum_in_Deutschland.html

[2]Matthias Brandt, 30.05.13, „so viel Kaffee konsumiert die Welt“, de.statista.com/infografik/1139/weltweiter-konsum-von-kaffee/

[3]de.statista.com/statistik/daten/studie/167582/umfrage/durchschnittliche-arbeitszeit-pro-woche/ 2015, „wieviele Stunden arbeiten Sie durchschnittlich pro Woche?“

[4] www.zeit.de/karriere/beruf/2014-07/ideale-arbeitszeit-umfrage

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