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Weder Mann noch Frau – Lichtblicke für nichtbinäre Menschen

Ich bin nichtbinär, das heißt ich bin weder männlich noch weiblich. Die meisten Leute wissen gar nicht, dass Menschen wie ich existieren. Und in meinen amtlichen Dokumenten steht ein falsches Geschlecht – weil es richtige offiziell gar nicht gibt. Ich wünsche mir, dass auf meinem Ausweis irgendwann kein falsches Geschlecht mehr steht. Seit Herbst 2017 scheint das möglich.

Rückblick
Lange gab es in Deutschland nur die 2 Geschlechts-Optionen „männlich“ und „weiblich“. Mit Hilfe des sogenannten Transsexuellengesetzes ist es auf sehr mühsame und kostspielige Art möglich, von einem zum anderen zu wechseln. Vor vier Jahren kam durch eine Gesetzesänderung die Möglichkeit dazu, dieses Feld einfach leer zu lassen. Viele haben sich darüber gefreut. Es galt als wichtiger Schritt in Richtung Akzeptanz von geschlechtlicher Vielfalt. Und plötzlich stand in Zeitungen immer öfter, dass Menschen wie ich existieren! Das Problem: Inter sein – also einen Körper haben, der sich nicht in die Vorstellung von “männlich” und “weiblich” einordnen lässt – und ein nichtbinäres bzw. kein Geschlecht haben ist eben nicht das Selbe. Nicht selten stellen inter Menschen später fest, durchaus ein binäres Geschlecht zu haben. Auf nichtbinäre Menschen hingegen, denen bei der Geburt keine Intergeschlechtlichkeit bescheinigt worden war, wurde der leere Eintrag weiterhin nicht angewendet. Ein paar Jahre später erstritt dann eine nichtbinäre Person vor dem BGH, dass nichtbinäre Erwachsene einen leeren Geschlechtseintrag beantragen können, auch wenn sie nicht nachweislich inter sind. Das war eine großartige Nachricht für mich! Der Gedanke, dass in meinen Ausweisen tatsächlich einmal kein falsches Geschlecht mehr stehen könnte, war so riesig, so unglaublich, so befreiend.

Allerdings… ich habe ein Geschlecht. Es ist zwar nicht männlich oder weiblich, aber es ist auch nicht „nichts“.

Ausblick
Im Herbst 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die aktuelle Gesetzeslage meine Grundrechte verletzt. Die drei Optionen „weiblich“, „männlich“ und -leer- reichen nicht aus. Laut dem Urteil muss die Situation im Jahr 2018 geändert werden – entweder dadurch, dass amtliche Geschlechtseinträge komplett abgeschafft werden, oder dadurch, dass es künftig 4 Optionen gibt:„weiblich“, „männlich“, -leer- und eine weitere. Wie genau die heißen würde und für wen sie angewendet werden wird, ist offen – andere Länder verwenden X.

Schön wäre zum Beispiel: In Zukunft bekommen alle Neugeborenen gar keinen Geschlechtseintrag mehr. Kinder können frei ausprobieren, welche Pronomen (er? xier?), Anreden (Frau? Person?) und Bezeichnungen (Junge? Mensch?) ihnen gefallen. Und ab dem 16. Lebensjahr dürfen sie entscheiden, ob ihr Geschlechtseintrag leer bleibt, oder ob F, M oder X eingetragen wird. Danach ist es ein simpler Verwaltungsakt, den Eintrag nochmal zu ändern – ohne psychologische Gutachten oder teure wie erniedrigende Verfahren; und auch der Zugang zu Hormonersatztherapien ist nicht mehr voller diskriminierender Hürden.
Und dabei muss es ja nicht bleiben. Ich wünsche mir zwar, dass mein korrektes Geschlecht auf meinen Dokumenten steht – nach dem ich so lange damit leben musste, dass es rechtlich nicht existiert und mir viele Menschen gar nicht glauben, dass es das überhaupt gibt. Die Sichtbarkeit ist wichtig und ein weiterer Schritt auf dem Weg in eine Gesellschaft, die akzeptiert, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt und diese sich nicht am Körper ablesen lassen. Das baut Vorurteile ab und beendet den untragbaren Zustand, dass Nonbinaries sich „falsch“ und „kaputt“ fühlen in einer Gesellschaft, die ihre Existenz leugnet. Das verringert in der Folge auch das Depressionsrisiko unter den Betroffenen und beendet medizinisch unnötige Operationen an intergeschlechtlichen Neugeborenen, die noch nicht selbst zustimmen können. Aber langfristig ist es im Grunde dann auch nicht mehr nötig, das Geschlecht überhaupt staatlich zu erfassen – schließlich ist das etwas sehr Komplexes und Persönliches.

Sasha ist neutrois und bloggt darüber auf https://geschlechtsneutral.wordpress.com/.

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