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Weltwärts – Kritischer Blick auf ein Projekt

Wir wollen doch nur helfen. Das war auch Aussage vieler Mitfreiwilliger auf meinem Seminar, bevor ich für ein Jahr nach Tansania ging. Doch können „weltwärts“ Freiwillige „helfen“? Oder stehen sie meist bloß sinnlos im Weg herum, um danach ihren Lebenslauf aufzuhübschen?

Doch was ist überhaupt dieses „weltwärts“? Das Programm wurde 2007 vom Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ins Leben gerufen, um jungen Deutschen die Möglichkeit zu geben, einen 6-24 monatigen, sogenannten „entwicklungspolitischen Freiwilligendienst“ zu leisten. Seither reisen jährlich 3500 junge Deutsche, 97% davon Abiturient*innen, in Länder des Globalen Südens. Auch in der Ukraine oder Belarus kann man einen solchen Dienst leisten, die beliebtesten Länder sind jedoch Brasilien, Peru, Indien, Südafrika und Tansania. Geplant sind 10 000 Freiwilligenplätze jährlich, für die momentan 70 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung gestellt werden. Die deutschen Entsendeorganisationen, welche monatlich 580€ vom BMZ pro Freiwilligem bekommen, arbeiten mit lokalen Organisationen in den Partnerländern zusammen. Kost, Logis, der Flug, die Versicherung sowie ein Taschengeld von 100€ monatlich wird den Freiwilligen aus Steuermitteln finanziert. Diese werden gebeten, einen Spenderkreis für ihren Auslandsdienst aufzubauen und sich so mit ihrem Projekt auseinanderzusetzen. Der ehemalige Minister Niebel bezeichnete das Programm als „Hilfe zur Selbsthilfe“ für Partnerländer. Außerdem lobte er das Programm als Beitrag zum interkulturellen Lernen – soweit klingt das Programm doch für alle Beteiligten wunderbar.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Fast alle jungen „Helfer*Innen“ sind ungelernt, viele gehen direkt nach dem Abitur ins Ausland und nehmen lokale Arbeitsplätze ein, die zuvor von Einheimischen besetzt wurden. Das gilt vor allem für Schulen. Natürlich sind Freiwillige nicht nur finanziell für die Organisationen lukrativ, sondern auch als Symbol: Schau an, bei uns arbeiten Weiße! Doch diese brauchen vor allem am Anfang viel Unterstützung. Kulturschocks sind an der Tagesordnung und alle, die bei deren Bewältigung unterstützen, bekommen dafür kein Geld. Das sind Nachbarn, Freunde oder Gasteltern der Freiwilligen. Ein Ziel von „weltwärts“ war es, sozial schwächer gestellten Deutschen die Möglichkeit für ein Auslandsjahr zu bieten. Tatsächlich nutzen meist Priviligierte die Möglichkeit, die sich diesen Aufenthalt oft auch anders hätten finanzieren können. Die Zeit im Ausland bietet viel Raum für die persönliche Entwicklung der Freiwilligen, auch von Zuhause kommt viel Unterstützung. Oft schreiben Lokalzeitungen überschwänglich über die mutigen Held*innen, die den Armen der Welt helfen.

Doch wie sieht es mit der Nachhaltigkeit der Projekte aus? Da gibt es aufgeplatzten Beton auf Basketballplätzen, Tausende von Hühnerställen oder Buchprojekte. Im einen Jahr angestoßen, mit deutschen Spenden finanziert, von Nachfolgefreiwilligen fallengelassen – ein häufiges Bild. Familie und Freude greifen oft tief in die Tasche, um konkrete Projekte zu finanzieren, denn schließlich landet das Geld ja “direkt bei den vielen süßen Kinderchen” und nicht im Bürokratieapparat von beispielsweise Unicef. Und dann wechseln jährlich in Waisenhäusern und Schulen die Bezugspersonen, kaum haben sich die Kinder an „die Neuen“ gewöhnt sind sie schon wieder weg. Ein nie endender Kreislauf.

Viele Freiwillige schreiben einen Blog, auf denen oft zu Sätze zu lesen sind wie: „Die Afrikaner sind alle ineffizient und faul.“ Oft werden nämlich dauerhaft Rassismen und Stereotypen reproduziert und wiedererkannt. Und wenn dann in den Blogs zu lesen ist, dass Freiwillige lieber mit anderen Weißen ihre Freizeit verbracht haben, zeigt das, wie die Freiwilligenblase in vielen Ländern funktioniert. Als Folge reden viele Freiwillige von einem “wir”, also den deutschen Freiwilligen, und einem “die”, also Einheimischen oder Partnerorganisationen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es schwer ist sich dieser „Blase“ zu entziehen, schließlich hat man oft während der Zeit im Ausland ähnliche Probleme und andere Dinge, über die man sich austauschen möchte. Zum Beispiel die Rolle als Weiße*r. Weißsein bedeutet Wohlstand, Reichtum, Macht und Wissenshierarchien- genau das ist vielen Freiwilligen nicht bewusst. 100 Euro Taschengeld klingen zunächst nach wenig Geld, doch in vielen Ländern des globalen Südens verdienen sowieso schon wohlhabendere Deutsche mehr als Locals, die viele Stunden am Tag arbeiten.

Es zeigen sich alte Hierarchien, die schon in der Kolonialzeit geläufig waren: Europäer*innen können überall hinreisen, während es bei beispielsweise Afrikaner*innen, die nach Deutschland kommen wollen um hier einen Freiwilligendienst zu machen, oft schon am Visum scheitert. Ein Programm auf Augenhöhe, wie vom BMZ propagiert, ist „Weltwärts“ nicht. Auch im Beirat des Programms sind keine Vertreter der Partnerorganisationen vertreten, sondern nur Politiker*innen, Ex-Freiwillige und Entsendeorganisationen. Alles in allem werden bei Weltwärts häufig koloniale Bilder reproduziert. Auch ist zu kritisieren, dass nur die einseitige Möglichkeit besteht, von „Nord nach Süd“ zu gehen und nicht andersherum . Es zeigt sich, dass Weltwärts Neokolonialismus in nicht geringem Maße befördert, statt Vorurteile abzubauen.

Beat Seemann ist seit fast sieben Jahren bei der Grünen Jugend, wohnt in Berlin, studiert Lehramt und beschäftigt sich seit seinem Weltwärts Jahr in Tansania intensiv mit dem Programm und seinen Auswirkungen.

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