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Wenn Grenzen überschritten werden

Photo by Alex Ivashenko on Unsplash

95 Jungpolitiker*innen aus verschiedenen Jugendorganisationen berichteten am 29.1.2018 in der Huffington Post von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung. In dem Artikel wird deutlich: sexuelle Belästigung ist auch in den Jugendorganisationen ein Problem. Ich möchte diesen Artikel deshalb nutzen, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen.
Auch ich musste Erfahrungen mit sexueller Belästigung im Rahmen meiner politischen Arbeit machen. Daher weiß ich, wie schwer es sein kann, über solche Ereignisse und über die Belastung, die von ihnen ausgeht, zu sprechen. Und ich weiß auch, wie schnell Grenzen überschritten werden können.

Was ist sexuelle Belästigung überhaupt?

Sexuelle Belästigung fängt dort an, wo eine Person mit sexueller Intention die angezeigten Grenzen einer anderen Person überschreitet. Dies geschieht zum Beispiel durch unerwünschte Berührungen oder Bemerkungen, ein körperliches ‚zu nahe kommen‘, durch unerwünschte Blicke oder die Nötigung zu nicht gewollten sexuellen Handlungen. Sexuelle Belästigung kann überall auftreten: ob in Schulen, am Arbeitsplatz, im Showbusiness, auf der Straße, auf Partys – oder eben im politischen Bereich. Denn jeder Mensch hat andere Grenzen, ein anderes Empfinden für Belästigung. Deshalb kann es schwer sein, für sich selbst herauszufinden, wann eine Situation als sexuell belästigend empfunden wird.

Was macht sexuelle Belästigung mit mir?

Als ich selbst Erfahrungen mit sexueller Belästigung machen musste, hatte ich vor Allem sehr starke Schuldgefühle. Ich habe lange gebraucht zu verstehen, dass ich als Opfer niemals die Schuld trage, sondern der*die Täter*in für ihr Handeln verantwortlich ist. Bei mir entstand dazu ein besonderes Schamgefühl, denn solche Erfahrungen sind sehr unangenehm. Auch fiel es mir zunächst schwer, mit anderen über diese Erfahrung zu sprechen ¬– ich hatte Angst vor den Reaktionen der Anderen und davor, auf Unverständnis zu stoßen oder nicht ernst genommen zu werden. Denn leider wird sexuelle Belästigung noch immer heruntergespielt und verharmlost. Ich hatte das Gefühl, alleine zu sein mit meinen Erfahrungen. Mein Selbstwertgefühl litt stark, ich habe mich zu Beginn sehr schwach gefühlt. Meine Grenzen wurden nicht ernst genommen, ich kam mir ausgenutzt vor.
Wie kann/soll man mit sexueller Belästigung umgehen?
Ich finde es besonders wichtig, sich gegen sexuelle Belästigung aktiv zu wehren – klar und deutlich ,,Nein“ zu sagen, wenn man etwas nicht möchte und wenn persönliche Grenzen überschritten werden. Doch gerade das Gefühl der Selbstsicherheit und die Möglichkeit dazu, Übergriffe anzusprechen und abzuwehren, hängt stark von der Situation ab.

Online beispielsweise gibt es die Möglichkeit, belästigende Kommentare zu melden. Außerdem fand ich es besonders wichtig und hilfreich, mir Hilfe holen. Ich kann gut nachvollziehen, dass der Schritt schwer ist, schambesetzte Erfahrungen zu teilen Doch wenn Du Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht hast, ist es dein gutes Recht, dir Hilfe zu holen.
Bei all dem dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass es zu allererst die Täter*innen sind, die für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden sollten. Nur durch sie kommt es zu Fällen sexueller Belästigung. Es ist erforderlich ihnen zu zeigen, dass ein solches Verhalten Konsequenzen hat. Mir hat im Umgang mit meinen Erfahrungen auch dies geholfen – das Wissen, dass Täter*innen für ihr übergriffiges Verhalten belangt und das Wiederholen solcher Situationen vermieden werden kann. Wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir nicht vor allem den Opfern Vermeidungsstrategien empfehlen, sondern eine Änderung im Verhalten der Täter*innen fordern.
Dazu gehört, dass wir grundsätzlich verhindern müssen, dass Menschen überhaupt erst zu Täter*innen werden. Wir leben noch immer in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen* objektiviert und als Lustobjekt cis-männlicher Sexualität gesehen werden. Unsere Gesellschaft schafft den Rahmen dafür, dass sexuelle Gewalt ausgehend von männlichen Personen normalisiert und zum systematischen Problem wird – diese Einstellungen gilt es zu ändern.
Wenn auch Du Hilfe brauchst, gibt es ganz verschiedene Anlaufstellen, bei denen du um Hilfe bitten kannst: Zum Beispiel gibt es auf Veranstaltungen der GRÜNEN JUGEND immer eine ,,Awareness Group´´, an die du dich vertrauensvoll wenden kannst.
Mir persönlich hat es sehr geholfen, mit meinen Freund*innen über meine Erfahrungen zu sprechen. Es tut gut, die Last des Geheimhaltens abzulegen und offen mit dem Gefühl des Übergriffs umzugehen. Außerdem finde ich es wichtig, die Schuld nicht bei sich selbst zu suchen.
Du selbst bist nicht schuld daran, wenn sich jemand dazu entscheidet, deine Grenzen zu überschreiten. Denk immer daran: Du bist nicht allein.

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