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Wie sieht eine Zukunft aus, in der alle Forderungen von Ende Gelände gesetzt wurden?

End Climate Injustice - von Jon Tyson - CC0

Als wir von der GRÜNEN JUGEND mit Ende Gelände letztes Jahr zweimal die Tagebaue und Kohlebahnen der rheinischen Reviere blockierten, fanden wir dort eine bunte Bewegung vor. Postwachstums- und Degrowth-Aktivist*innen beschäftigten sich mit Wirtschaft ohne Wachstum. Solidarische Landwirtschaft, Waldbesetzungen und antirassistische Kampagnen wurden vorgestellt. Queerfeministischer Alltag mit Quoten und FIT-Bereich war angesagt. Die „Pacific Climate Warriors“ von den Fidschis zeigten, dass die Klimakrise eine Frage der globalen Gerechtigkeit ist.

Entscheidungen wurden im Konsens getroffen, nicht nach dem Mehrheitsprinzip. Das funktioniert mit gutem Willen und cleveren Verfahren. Wir arbeiteten zusammen. Und teilten die Früchte unserer Arbeit solidarisch.

Beliebt war die Parole vom „Guten Leben für alle“, dem „Buen Vivir“. Und auch davon war eine Menge

zu spüren beim morgendlichem Yoga, wenn die beste vegane Aktionsküche aller Zeiten die Spenden regionaler Bauern verkochte oder beim Socken-Zocken-Catchen.

Ungefähr so sähe wohl unsere Wunschvorstellung einer besseren Welt aus. Wir wollten Utopien träumen, Zukunftsbilder malen, Visionen leben. Bei Ende Gelände fällt das leicht. 4000 Idealist*innen mit einer Aufgabe: die Kohleverbrennung lahmlegen – meist in der freien Natur, monatelang vorbereitet, spendenfinanziert. Aber die Welt, die wir verändern wollen, besteht nicht nur aus Idealist*innen und die Zeit für all die Aufgaben, die es zu erledigen gibt, ist knapp.

Ende Gelände fordert den sofortigen Kohleausstieg. Was heißt das? Ausstieg innerhalb eines Jahres? Müssten dann stattdessen viele neue Gaskraftwerke gebaut werden, obwohl Erdgas doch kaum besser als Kohle ist? Bei der Förderung wird viel Methan freigesetzt – das kann nicht unsere Lösung sein. Will man stattdessen Kohle durch erneuerbare Energien ersetzen, wäre das frühestens 20251 möglich. Verkehr, Wärme und Strom komplett auf Erneuerbare umzustellen, wird mindestens weitere zehn Jahre dauern. Das Problem: Deutschland müsste bis 2031 klimaneutral werden, um seinen Beitrag dazu zu leisten, die Erderwärmung weltweit auf 1,5°C zu begrenzen. Ginge man davon aus, jeder Mensch weltweit verbrauche im Durchschnitt ebenso viel Energie wie in Deutschland, dann würde sich die Welt selbst unter diesen Bedingungen um 2,0°C erhitzen.

Wir sind also schon zu spät dran. Das wiederum muss für uns heißen: Radikaler Klimaschutz sofort und überall. Was für eine radikale Veränderung nötig wäre, haben selbst viele Grüne noch nicht begriffen.2 Wir und unsere Kinder werden den Sturm ernten, der gerade gesät wird, trotzdem ist eine Massenbewegung junger Dickschädel, die auch in Parteigremien und Parlamente geht, um den zukunftslahmen Rentner*innenclub mit echter Klimaschutzpolitik aufzumischen, leider immer noch nicht in Sicht. Lasst uns das ändern.

Und wir werden weiter gehen müssen: Verzichten, auf was wir nicht wirklich brauchen. Nicht mehr fliegen (außer in Notfällen). Statt alle zwei Jahre ein neues Handy zu kaufen, reparieren wir das alte Handy ohne HD-Kamera. Wir teilen miteinander. Wir – nicht Ende Gelände, oder die GRÜNE JUGEND, sondern neun Milliarden Menschen, von denen viele in Diktaturen leben und fast alle in kapitalistischen Gesellschaften. Das ist Wahnsinn. Aber was wäre das Leben ohne eine Prise Wahnsinn?

Packen wir es an. Zusammen.

 

1 Mit der Fertigstellung der Netzentwicklungspläne.

2 Deutsches + europäisches Ziel=Grünes Ziel im Bund: minus 80-95% bis 2050. Nichtmal das wird eingehalten.

1 Kommentare

  1. David sagt

    Gutes Thema, gut geschrieben – danke dafür!
    Die Kluft zwischen Forderungen, z.B. der GJ oder eben Ende Gelände und deren Umsetzbarkeit, ist ein Thema, das meiner Meinung nach noch viel zu wenig diskutiert wird.
    Das realistisch betrachtet, ein “sofortiger” Kohleausstieg nicht von heute auf morgen, sondern eher der Beginn eines Austeigens (das eine Weile dauert) ist, muss man wohl – leider – einsehen.
    Dennoch würde mich interessieren, woher du deine Zahlen hast (kompletter Ausstieg aus Kohle bis 2025, bei ausschließlichem ersetzten durch Erneuerbare Energien und klimaneutrales Deutschland bis 2031 für 1,5°-Ziel).

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