Debatte, Kultur, Queerfeminismus
Schreibe einen Kommentar

Zu heiß für Deutschland? – Das Hotpantsverbot

Immer wenn es draußen wärmer wird und etliche Menschen die Hüllen fallen lassen, wird die ewig gleiche Diskussion angeheizt: Wie viel nackte Haut dürfen Frauen* (seltener Männer*) in der Öffentlichkeit zeigen? Was ist aufreizend, was provokant, was anstößig?

Insbesondere an Schulen wird regelmäßig kritisiert, dass Schüler*innen zu viel Bauch, Bein oder Brust zeigen. Angesprochen wird dabei stets der sexuelle Kontext und seine ablenkende Wirkung auf andere. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass die Schule ein Ort der Objektivität und der freien Entfaltung einer*s jeden Einzelnen sein sollte.
Nun hat eine Schule in Baden-Württemberg mithilfe eines Briefes an die Eltern der Schüler*innen ,,aufreizende‘‘ Kleidung verboten. Dabei werden explizit Mädchen* beschuldigend angesprochen. Bei Verstoß gegen diese neue Kleiderordnung werden an die Betroffenen weite T-Shirts verteilt, welche für die Dauer des Schultags ihre Körper verstecken sollen. Die für diese Maßnahme verantwortliche Schulleiterin Bianca Brissaud gibt ein ,,gesunde[s] Schulklima […], in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden‘‘, als Begründung an.
Nackte Haut wird also als Bedrohung für die Werte unserer aufgeklärten Gesellschaft empfunden. Welche Werte werden hier angesprochen? Etwa die hegemoniale Männlichkeit? Rape Culture? Victim Blaming?
Es wird argumentiert, dass knappe Kleidung an weiblichen Körpern Männer* (seltener Frauen*) ablenken und erregen könnte. Natürlich wird an dieser Stelle praktisch nie danach gefragt, was besagte Personen denken lässt, sie könnten ihren Trieben unverhohlen nachgehen und sie als natürlich und unabänderlich akzeptieren. Stattdessen wird immer wieder überwiegend jungen Frauen* vermittelt, dass ihr* Recht auf Selbstbestimmung durch die zwanghafte Übersexualisierung des weiblichen Körpers eingeschränkt ist. Sie seien selber schuld daran, schließlich verhüllten sie sich nicht angemessen. Frauen* haben kein Recht mehr auf ihren Körper, er gehört der sexistisch-patriarchalischen Denkkultur. Es ist unfassbar, dass die Opfer sexueller Belästigung (ja, dazu gehören auch belästigende Blicke) sich rechtfertigen müssen und in Form einer angeordneten Kleiderordnung bestraft werden, während die Täter*innen keinerlei Konsequenzen zu befürchten haben. Ganz im Gegenteil, ihnen wird auch noch gesellschaftlicher Rückhalt und Verständnis geboten.

Die Schuld an der ganzen Problematik wird dadurch bei denen gesucht, die am wenigsten sexuelle Intention hegen. Für ein Mädchen* in Hotpants sind ihre* Beine einfach nur Beine, auf denen sie* vielleicht gerne die Sonne spürt. Erst ,,abgelenkte‘‘ Mitmenschen machen aus eben jenen Beinen Sexualobjekte.
Besonders bedenklich ist die Kombination aus Sexismus und Rassismus, die ebenfalls oft in diesem Diskurs zu finden ist: In unmittelbarer Nähe zu Schulen oder öffentlichen Einrichtungen untergebrachte Asylbewerber*innen könnten kurze oder enge Kleidung ,,kulturbedingt“ fehlinterpretieren – so zumindest ein brandenburgischer Schulleiter, der die Schülerinnen* seiner Schule anwies, dies bei der Wahl ihrer Outfits zu berücksichtigen.
Zweierlei alarmierende Denkansätze zeigen sich hier. Zum einen wird den Asylbewerber*innen unterstellt, dass sie aufgrund ihrer Kultur prädestinierte Vergewaltiger*innen und Sexualstraftäter*innen seien, zum anderen wird erneut massives Victim Blaming betrieben.
Nicht selten führt sowas dazu, dass Frauen* die Schuld bei sich selbst suchen, wenn sie sich belästigt fühlen und Hilfe suchen wollen. Sie fragen sich, was sie hätte anders tun sollen und ordnen zu ihrem Schutz ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse der Zufriedenheit von Männern* unter. Dies ist das absolute Gegenteil von Emanzipation.

Wünschenswert wäre ein Problemlösungsansatz, bei dem Respekt vor der Selbstbestimmung anderer und die vielseitigen Auswirkungen der tiefverwurzelten Rape Culture gelehrt werden. Sexualisierung ist eine Verletzung der Grundrechte und kann entwürdigend und entmündigend sein. Männer* und Frauen* müssen lernen, dass nackte Haut, egal in welchem Maß, niemals eine Erlaubnis ist, den Menschen auf diese zu reduzieren. Ob Brüste, Beine, Pos oder Bäuche, es sind und bleiben Teile einer eigenständigen Person, die frei entscheiden darf, was sie wen wie sehr sehen lässt.
Möglicherweise mögen manche auch einfach irgendwelche Kleidungsstile oder gewisse Modeerscheinungen nicht, die junge Menschen manchmal zur Schau stellen. Diese Abneigungen seien jeder*m selbst überlassen, denn über Mode lässt sich ja bekanntlich streiten. Über Menschenrechte nicht.

(Ich möchte darauf hinweisen, dass ebenso auch Frauen* Vergewaltiger*innen und Männer* Opfer von sexueller Belästigung und Sexualisierung sein können. Der Artikel beschreibt primär das Phänomen der Übersexualisierung junger Frauen* in der Öffentlichkeit, spricht aber auch für die männlichen* Opfer ebendieser.)

Lisa-Marie ist 18 Jahre alt, wohnt in Braunschweig und studiert dort. Sie koordiniert das Fachforum Arbeit, Soziales, Gesundheit und Pflege und ist im Bildungsbeiratspräsidium der Grünen Jugend. Ihr Hobby ist Reden und das tut sie am liebsten über Menschenrechte, Glück und ihre Möbel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.